Das Fest der sozialen Rituale: Weihnachten als Rollenspiel

Spekulatius und Lebkuchen auf dem Teller? Glühwein eingeschenkt? Dominosteine für den Notfall im Geheimfach vor den anderen Zuckersüchtigen versteckt? Dann los mit dem Weihnachtsblog Teil II, heute aber ohne dieses Gemotze. Gilt es doch an Weihnachten, froh und munter zu sein. Und sich gefälligst an der friedlich-festlichen Stimmung zu erfreuen. Für die Familie, die Kinder, die Liebsten und auch die, die man das ganze Jahr nicht ausstehen kann...

 

 

Das ganze Leben ist ein (Rollen-)Spiel

 

Nun ist es eine soziologische Binsenweisheit, dass wir jeden Tag im besten Goffmanschen Sinne Theater spielen. Das Leben ist eine Bühne, auf die wir treten, wir nehmen verschiedene Rollen je nach Kontext (Bühne) ein, wir bedienen uns beizeiten einer Maske, nutzen Requisiten, interagieren mit Nebendarstellern und unserem Publikum.

 

Die Rollen, die wir haben, ob als Ehemann, Angestellter, Freund, Vereinsmitglied, Fan, Politiker oder Blogger bei den Querdenkern, können wir aber nur bis zu einem gewissen Grad selbst gestalten. Denn es sind soziale Strukturen,  Erwartungshaltungen und gesellschaftliche Zwänge (das "man"), die – bewusst oder unbewusst – die Regie über unsere Rollen führen. Natürlich können wir diese Erwartungen ablegen, aus ihnen ausbrechen, sie modifizieren oder der Geschichte übergeben, allerdings nur unter großen Anstrengungen. Probieren Sie es mal in ihrem Job, wenn Sie Ihre Rolle nicht spielen, was dann passiert. Oder noch besser: An Weihnachten, am Heilig Abend. Aber dazu später mehr.

 

Wenn wir uns fragen, welche Gründe Menschen für ihr Handeln haben, unterstellen wir meistens gezielte Intentionen, eine bestimme Motivation oder andere, scheinbar bewusste oder reflektierte Gründe. Übersehen wird dabei leicht die Macht der Rolle, in der man in dieser Situation ist. Und selbst wenn man sich dieser Macht bewusst ist, fällt es schwer, den Einfluss zu minimieren oder in seiner Komplexität zu erfassen. Manchmal wird einem dieses Rollenskript in Gestalt der sozialen Erwünschtheit bewusst, über die man sich dann ärgert, weil man ihr wieder erlegen ist. Oft ist man aber auch froh, dass einem die Rolle ein bestimmtes Verhalten diktiert, denn das Skript kann einem Sicherheit geben und dem Verlust der Rolle bewahren. 

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Ökokapitalistischer Überfluss

 

Es ist genau diese soziale Diskrepanz in der Weihnachtszeit, die einen beinahe zum Extremsozialisten werden lässt und die auf einem Weihnachtsmarkt, wie in einem Brennglas konzentriert, sichtbar wird. Einfach gesagt: Nicht der Kapitalismus ist hier das Problem, sondern sein Exzess, der Luxus an unnötigen Produkten, die Verschwendung und bei manchen Märkten, wie dem Tollwood-Festival in München, die scheinbar linkspolitisch-soziale Fassade, hinter der der böse Kapitalismus verschleiert werden soll, obwohl er gerade dort in all seinen negativen Auswüchsen zelebriert wird.

Man ignoriert schlicht, dass die Preise auf solchen Märkten alles andere als sozial gerecht sind und man toleriert zugleich, dass viele Menschen daran nicht partizipieren können. Auch vergisst man im Kaufrausch der betörten Sinne, was für völlig sinnlose Produkte einem angeboten werden und woher diese kommen. Hauptsache es ist exotisch, originell, handmade oder natürlich natürlich.

 

Darin zeigt sich zugleich der neue Ökokapitalismus, bei dem jedes Produkt als irgendwie "bio", "nachhaltig" oder "fair" verkauft wird. So werden selbst einfache Holzbrettchen aus Tirol als "vegan"  gelabelt und für völlig überteuertes Geld feilgeboten! Neben diesem regional heimischen Kunsthandwerk(-Kitsch) gibt es mindestens so viele Produkte, die von anderen Kontinenten für die seelisch-nachhaltig gute Sache importiert wurden: Kokos-Kerzen für das Raumklima im gentrifizierten Altbau, peruanische Schafswolle für die verlorene emotionale Wärme, asiatische Feng-Shui-Kunst für das verlorene Karma, thailändische Wickelröcke als Beweis für den kosmopolitischen Modeästheten oder kanadischer Ahornsirup, für den nach internationalem Genuss strebenden Gaumen. Gleichwohl alles feine Produkte, die Herz, Seele und die Beschenkten erfreuen. Aber auch Produkte, die, wenn wir mal ehrlich sind, eigentlich niemand braucht.

 

 

Nun darf man in unseren kapitalistischen Gestaden nie ernsthaft fragen, was man wirklich zum Leben braucht, da wir sonst eine ganze Wirtschaftsrevolution führen müssten. Aber gerade an Weihnachten offenbaren sich diese spätrömische Dekadenz und der Luxuswahnsinn in voller Pracht und Unzierde. Was die Reichen und Schönen im Sommer in Monaco, auf St. Barth oder Ibiza zelebrieren, findet im Winter in jedem Winkel des Landes statt: Ein Fröhnen der kapitalistischen Götzen, ein Schaulaufen der Statussymbole, bei dem alles geheuchelte Gejammer über fehlende soziale Gerechtigkeit mit dem Glühwein verschluckt wird.

 

 


Aus der Rolle fallen

 

Zugleich sorgen die Rollen dafür, dass unsere Gesellschaft überhaupt funktioniert. Würde jeder seine Rollen beliebig interpretieren, wäre auf Vieles kein Verlass mehr, Selbstverständlichkeiten würden zum ewigen Aushandlungsprozess. Sie alle kennen solche Beispiel des "aus der Rolle Fallens": Der Kellner, der den Gast beschimpft; der schüchterne Mitarbeiter, der bei der Weihnachtsfeier nach zu viel Glühwein zum Casanova wird; der Rocker, der trotz seines wüsten Aussehens der Oma über die Straße hilft oder die Oma, die an Heilig Abend lieber Rammstein als einen Weihnachtschor hören will (zugegebenermaßen und vermutlich ein familiärer Einzelfall).

 

Das Ausbrechen aus der Rolle sorgt für Irritation im Umfeld, bringt das Gleichgewicht ins Wanken und provoziert geradezu Widerstand. Und wo könnte man das nicht weniger brauchen als an den festlichen Tagen, an denen die Harmonie besonders geschützt wird und der Familienfrieden noch wichtiger ist als die wunderbaren bio-fair trade-öko-Geschenke vom Christkindlmarkt? 

 

 

Rollen und Spiele an Weihnachten

 

Deswegen bedeutet Weihnachten eigentlich den (mitunter auch bewusst in Kauf genommenen) kompletten Verlust von Selbstbestimmung. Man gibt sich allen Situationen in diesen drei Tagen mehr oder weniger kampflos hin, man schlüpft kommentarlos in seine vorbestimmten Rollen und gibt sich den Ritualen hin, weil die ja Tradition sind und man das schon immer so gemacht hat. 

Die individuellen Rollenskripte entwickeln sich aus dieser unheiligen Mischung von speziellen Traditionen (Würstchen mit Kartoffelsalat, Singen am Christbaum, gemeinsames Fernsehen von 3 Haselnüsse für Aschenbrödel oder Sissi...), Zwängen im Familiensystem (Besuch der Verwandtschaft, Spaziergang mit der Erbtante, Reden mit Leuten aus der Familie, die man gar nicht kennt...), der Arbeit zur Friedensicherung (keine Kritik am zu trockenen Braten, die Macken der Familie unkommentiert lassen, jedes Geschenk super finden...), den Pflichten an diesen Tagen (Vati sorgt sich um die Getränke, Mutti um das Essen, die Kinder um ein sauberes Hemd am Tisch...) und dem Wissen, dass am 27.12. alles vorbei ist, was zu einem Absinken der Streitlust und einem Anstieg der Toleranz führt. 

Wichtig dabei ist: Genau diese Vorherbestimmtheit sowie die Mächtigkeit der Rollen erzeugen bei den meisten Menschen kein negatives Empfinden, sondern eher eine Freude, weil man sich eben diesen Rollen hingeben darf und man auch nichts anders tun muss.  

 

 

Soziale Rituale als Kitt für die Harmonie

 

Der Stress im Alltag vieler Menschen besteht häufig aus Rollenkonflikten (bspw. zwischen den Rollen Ehepartner und Berufsrolle) oder aus den Erwartungshaltungen, die an eine Rolle geknüpft, aber eventuell nicht klar kommuniziert oder realisierbar sind (bspw. wenn man in ein Familiensystem als neuer Teilnehmer eindringt). Diese Problemfelder sind aber an diesen Festtagen kaum existent, weil dort die Rollen normalerweise festgeschrieben sind. Jeder weiß, was von einem erwartet wird und was umgekehrt von den anderen erwartet werden kann. Daher eskalieren Streits an Weihnachten auch schneller, weil die Rollen einerseits zwar sehr stark, andererseits aber auch extrem brüchig sind.

 

Umgekehrt führt diese Wirkmächtigkeit zu einer Art Faulheit im Ausreizen der Rolle, weil die Erwartungen klar und der Handlungskorridor beschränkt sind. Warum sollte man das System stören, wenn es sich bewährt hat? Das kulinarische Gelage fördert diese Lethargie zusätzlich und anstatt zu motzen schnauft man auf dem Sofa höchstens einmal kurz durch, genehmigt sich einen weiteren Schuss Zuckerglück in Plätzchenform und spült alles mit einem Gläschen Portwein hinunter. Dabei spielt die Tageszeit keine Rolle, denn an Weihnachten darf qua der Rolle "Weihnachtsteilnehmer" auch schon vormittags gepichelt werden!   

Was folgt sind drei Tage Theater-Schauspiel auf höchstem Niveau: Das Ess- oder Wohnzimmer wird zur Bühne, der Tannenbaum, die Krippe und die Geschenke zu Requisiten, der Alkohol zur Maske für den Geist, die Regie führt das Familiensystem und das Publikum sind wir selbst oder unsere Liebsten.

 

Wenn am 27. dann der Vorhang fällt, jeder seine Bühne wechselt und man wieder getrennte Wege geht, wird wohl keiner klatschen. Aber im Idealfall freut man sich schon auf die Zugabe an Silvester oder auf den Auftritt im nächsten Jahr. Dann hoffentlich wieder in den vertrauten, bewährten Rollen.     

 

 

Bevor der Vorhang fällt

 

Nächste Woche melden wir uns nochmal mit einem Blog zur besinnlichen Jahresrück- und Vorausschau und fragen, was uns 2020 bringen wird. Bis dahin wünschen wir Ihnen noch viel Spaß in Ihren Rollen und auf Ihren Bühnen wie der Weihnachtsfeier im Büro oder dem Besuch eines Christkindlmarktes. Denken Sie immer dran: Querdenker dürfen auch mal aus der Rolle fallen!  

 

 


 Der Song zum Blog - Die Roten Rosen: Weihnachten bei den Brandts

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Peter von www.leben-ohne-burnout.de (Donnerstag, 12 Dezember 2019 13:31)

    Rollenspiele. Weihnachtstheater. Ist doch das interessanteste Schauspiel überhaupt, wenn Publikum, Akteure und Passive ohne Skript performen dürfen, sollen und müssen. Da konkurrieren Erwartungshaltungen und Anspruchsdenken aufs Vorzüglichste.
    Wer vor den 2 1/2 tollen Tagen noch mal ins Besinnen kommen will, kann ja mal über Lebenszufriedenheit nachdenken und hier reinhören: https://t1p.de/qut4 Frohes Fest.

  • #2

    Bruno Mayer (Freitag, 13 Dezember 2019 16:13)

    War wieder unglaublich toll und lang UND GAR NICHT NATÜRLICH NATÜRLICH !
    Würde Dr. Sontheimer und ähnlich Denkende doch ganz gern hin und wieder bei meinem kostenlosen, vielfältigen Winter-Halbjahresprogramm dabei haben. Bruno.Mayer1@gmx.de

  • #3

    Torsten (Mittwoch, 18 Dezember 2019 22:20)

    Hallo liebe Querdenker!
    passend zum Rollenspielthema habe ich mich in der letzten Zeit oft gefragt, wie authentisch man ist bzw wie wichtig nun welche Rollen sind.
    Ich bin z.B. seit einigen Wochen Mitglied im einer Umweltortsgruppe und gleichzeitig Vater kleiner Kinder und Ehemann. Mit dem Wunsch endlich einen weiteren Beitrag zu leisten, zwänge ich mich nun zwischen 2 Stühle. Es ist unbefriedigend, aber mit etwas Glück kann ich eine Aufgabe übernehmen, die etwas abseits der Aktionen liegt. Ich kann also einen geeigneten Platz finden.
    Solange man/frau nicht als Aktivist aufwächst und von dort heraus sein Leben entwickelt, ist es fast unmöglich -auch ganz allgemein- etwas Neues zu tun. Mir scheint, ich stecke einfach in einer Mid-life Crises. Ich weiß aber auch, dass viele Dinge erst mit dem Alter für einen selbst ins Zentrum rücken.
    Ich schreibe Ihnen, weil ich es einfach in "diesen Zeiten" bezeichnend finde, keine, wenige oder nur ältere Familienväter oder -mütter in solchen Kreisen zu finden. Es gibt sicher dort draußen noch weitere Menschen, die wirklich gern wollen, es aber einfach nicht übers Herz bringen, woanders Abstriche zu machen. Möglich ist natürlich auch eine regionale Erscheinung für meine Sicht .... Ich schreibe Ihnen aus der Niederlausitz !
    Wie geht es Ihnen mit 2+x Stühlen?