Oh du fröhliche Scheinheiligkeit: Warum Christkindlmärkte die Hölle sind

Natürlich muss man nicht hingehen. Natürlich gönne ich jedem die Freude über dampfende Schupfnudeln, besinnliche Kinderchöre, blinkenden Krimskrams und lauwarmen Glühwein. Und dennoch sage ich: Christkindlmärkte sind die soziale Hölle, real gewordene Scheinheiligkeit und ein Symbol für viele Themen, die in unserem Ökokapitalismus falsch laufen. Der Weihnachtsmärkte-Motz-Blog! 

 

 

Soziale Höllenfeuer

 

Wenn spätestens Mitte November die ersten Doodle-Einladungen von Arbeitskollegen zum Besuch eines solchen Marktes eintrudeln, gibt es nur eine richtige Entscheidung: kein Datum frei zu haben für diesen After-Work-Wahnsinn. Keine Ausrede ist schlecht genug, um nicht als Alibi zu gereichen. Denn alles wäre besser als mitzugehen. Doch leider weiß man auch: Wer nicht dabei ist bei diesem Sozial-Ritual, der hat kein Herz für Romantik, war schon immer komisch oder ist nicht teamfähig – zumindest werden das die lieben Kollegen nach dem vierten Glühwein diagnostizieren.

 

Wer dabei ist, der unterliegt strengsten Ritualen, denn Weihnachten ist auf allen Ebenen kein Spaß, sondern eine Aneinanderreihung sozialer Pflichten! Sei es auf dem Markt, unterm Christbaum oder bei der Weihnachtsfeier. Die Verbissenheit der Adventsprofessionalität erfährt man beim Gang über einen Markt leidlich leiblich spürbar: Man wird durch die Gassen geschubst, am Glühweinstand weggedrängelt und bei den gebrannten Mandeln angerempelt, weil es ja jedem immer pressiert. 

Hat man sich seinen lauwarmen, wie in München bis zu 14 Euro teuren Glühwein erkämpft (nein, kein Fass, sondern nur einen 0,2 l Becher), geht die Diskussion los, wo man nun was essen kann, soll oder darf. Denn Weihnachtsmärkte sind heute in erster Linie Food-Hütten-Festivals mit adventlicher Folklore drum herum und daher ideal, um sich kulinarisch zu erweitern. Und da jedes Food-Angebot bio, regional, nachhaltig, genussvoll, besonders heiß und noch fairer gefairtradet ist, kann sich ohne schlechtes Gewissen der Völlerei hingegeben werden. Nach dem fünften Glühwein, dann mit Schuss, ist die Frage, wie nachhaltig ein Avocado-Quinoa-Burger mit argentinischem Rindfleisch wirklich ist, auch nicht mehr so wichtig, man gönnt sich ja sonst nix. Und bei 9,80 Euro für den Burger ohne Süßkartoffelpommes im essbaren Pappschälchen ist das gute Gefühl eh miteingepreist. 

 

Überhaupt das Geld: Davon braucht man viel auf einem Weihnachtsmarkt: Denn nicht nur das Schlemmen und Trinken sind beinahe auf dem Niveau des Oktoberfestes, sondern auch die Preise für mundgeblasene Christbaumkugeln, selbstdesignte Lebkuchendosen, vegane Seifen in Obstform oder in den Feuern Mordors geschmiedeter Silberschmuck. Leider haben sich in den letzten Jahren sehr viele (Jahr-)Märkte, Kirmesevents oder Volksfeste zu einer Veranstaltung der mittleren bis reichen Bourgeoisie entwickelt. Denn die Preise für Essen, Attraktionen oder Krimskrams steigen schneller in die Höhe, als die neuen Achterbahnen fahren können.

 

Was hier schulterzuckend hingenommen und mit einem Weihnachtsbier im extra eisgefrorenen Steinkrug weggespült wird, ist eine tatsächliche Spaltung der Gesellschaft, in der Familien, Kinder oder Erwachsene aus sozial schlechter-gestellten Schichten sich solche Besuche schlicht nicht mehr leisten können, von Kindern in Waisenhäusern oder ähnlichen Einrichtungen ganz zu schweigen. Da hilft auch kein Familientag, wenn die Fahrt mit dem Kinderkarussell anstatt 5 nur noch 4,50 Euro kostet. Die soziale Hölle sind daher nicht nur die Rituale und Regeln, die wir nächste Woche ausgiebig im Blog beleuchten werden, sondern auch die soziale Spaltung zwischen denen, die sich einen solchen Markt noch leisten können und einer viel zu großen Masse, die sich ihren Glühwein für 99 Cent im Discounter kaufen und zu Hause trinken müssen. 

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Ökokapitalistischer Überfluss

 

Es ist genau diese soziale Diskrepanz in der Weihnachtszeit, die einen beinahe zum Extremsozialisten werden lässt und die auf einem Weihnachtsmarkt, wie in einem Brennglas konzentriert, sichtbar wird. Einfach gesagt: Nicht der Kapitalismus ist hier das Problem, sondern sein Exzess, der Luxus an unnötigen Produkten, die Verschwendung und bei manchen Märkten, wie dem Tollwood-Festival in München, die scheinbar linkspolitisch-soziale Fassade, hinter der der böse Kapitalismus verschleiert werden soll, obwohl er gerade dort in all seinen negativen Auswüchsen zelebriert wird.

Man ignoriert schlicht, dass die Preise auf solchen Märkten alles andere als sozial gerecht sind und man toleriert zugleich, dass viele Menschen daran nicht partizipieren können. Auch vergisst man im Kaufrausch der betörten Sinne, was für völlig sinnlose Produkte einem angeboten werden und woher diese kommen. Hauptsache es ist exotisch, originell, handmade oder natürlich natürlich.

 

Darin zeigt sich zugleich der neue Ökokapitalismus, bei dem jedes Produkt als irgendwie "bio", "nachhaltig" oder "fair" verkauft wird. So werden selbst einfache Holzbrettchen aus Tirol als "vegan"  gelabelt und für völlig überteuertes Geld feilgeboten! Neben diesem regional heimischen Kunsthandwerk(-Kitsch) gibt es mindestens so viele Produkte, die von anderen Kontinenten für die seelisch-nachhaltig gute Sache importiert wurden: Kokos-Kerzen für das Raumklima im gentrifizierten Altbau, peruanische Schafswolle für die verlorene emotionale Wärme, asiatische Feng-Shui-Kunst für das verlorene Karma, thailändische Wickelröcke als Beweis für den kosmopolitischen Modeästheten oder kanadischer Ahornsirup, für den nach internationalem Genuss strebenden Gaumen. Gleichwohl alles feine Produkte, die Herz, Seele und die Beschenkten erfreuen. Aber auch Produkte, die, wenn wir mal ehrlich sind, eigentlich niemand braucht.

 

Nun darf man in unseren kapitalistischen Gestaden nie ernsthaft fragen, was man wirklich zum Leben braucht, da wir sonst eine ganze Wirtschaftsrevolution führen müssten. Aber gerade an Weihnachten offenbaren sich diese spätrömische Dekadenz und der Luxuswahnsinn in voller Pracht und Unzierde. Was die Reichen und Schönen im Sommer in Monaco, auf St. Barth oder Ibiza zelebrieren, findet im Winter in jedem Winkel des Landes statt: Ein Fröhnen der kapitalistischen Götzen, ein Schaulaufen der Statussymbole, bei dem alles geheuchelte Gejammer über fehlende soziale Gerechtigkeit mit dem Glühwein verschluckt wird.

 

 


Reale Scheinheiligkeiten

 

Dieser Mangel an kritischer Reflektion des eigenen Konsums ist im Hintergrund mein eigentlicher Aufreger und zugleich auch eine Selbstkritik. Denn nicht nur ich, sondern vermutlich viele Leser werden ähnliche Erfahrungen machen und trotzdem selber anders handeln. Einerseits predigen wir das ganze Jahr, dass wir wegen des Klimas auf Fleisch, Flüge und Freiheit verzichten müssen, andererseits produzieren wir an jedem Weihnachten unzählige Geschenkpapier-Müllberge, führen rabiate Kaufschlachten und versenken am 27.12. Mengen an Essensresten in der Tonne, von denen ganze Länder satt werden könnten.

 

Es sei natürlich jedem das Schlemmen unterm Baum oder auf dem Christkindlmarkt gegönnt. Doch ab und an könnte man sich bei der ganzen Besinnerei auch dieser Scheinheiligkeit bewusst werden und ein wenig auf den Pomp verzichten. Nicht jedes Geschenk muss im Glanzpapier verpackt sein, nicht jeder muss an den Feiertagen so gemästet werden wie die Gans, mit der er sich zuvor vollgestopft hat. Wer den Kampf ums Klima, die soziale Gerechtigkeit oder die Überflussgesellschaft ernst nimmt, kann und darf gerade an Weihnachten nicht pausieren oder dies als Blaupause ausnutzen. Das wäre noch scheinheiliger, als diese ganze Zeit eh schon ist.  

 

 


 Für alle, die sich beim Besinnen fragen, wer sie wirklich sind:

 

Der Junge mit der Gitarre – Bin ich Jesus?

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Jutta (Donnerstag, 05 Dezember 2019 16:08)

    Das gefällt mir.... genau meine Gedanken! Etwas andere Wortwahl, aber inhaltlich spitze!!!! AUFWACHEN auf allen Ebenen und in allen Bereichen!!! Raus aus der Manipulation... zurückkommen zu sich selbst!!!

  • #2

    Hendrik (Donnerstag, 05 Dezember 2019 16:51)

    Neben Umwelt- und Kapitalismuskrise hat unser Land (mindestens) noch ein unseliges Thema, das ist das ewige Gemotze über alles und jeden. Und das rechthaberische Getue dieser Motzkis.
    Für viele Kinder und auch ein paar Erwachsene ist ein Weihnachtsmarkt eine schöne Tradition, die man von klein auf kennt und manche eben schätzen. Natürlich gibt es es Mißstände auf Weihnachtsmärkten, die darf man auch benennen. Die Entscheidung treffen die Konsumenten im Kapitalismus übrigens an der Kasse. Ich würde auch keinen Glühwein für 14 Euro kaufen. (In Berlin kostet er aktuell zwischen 3,50 und 4,50 EUR und das ist bei den Standmieten auch in Ordnung.) Seid doch mal großzügig und gönnt Andersdenkenden ihren Spaß. Er darf ja auch gerne ökologisch sein. @Jutta: und Sie lassen sich durch Marktstände manipulieren? Überzeugen Sie doch Ihre Mitmenschen, statt in das wenig konstruktive Geheule/Geschimpfe einzustimmen.
    Alles wird gut.

  • #3

    Gudrun (Donnerstag, 05 Dezember 2019 18:14)

    @Hendrik: ich empfand den Artikel jetzt nicht als besonders rechthaberisch. Der Autor beleuchtet Missstände, die wir im allgemeinen Weihnachts(kauf)rausch allzu gerne mal vergessen. Aber nicht nur dort. Die Unsinnigkeit so mancher Bio-, Food-, zurück-zur-Natur-Trends erzeugen in mir schon länger ungläubiges Kopfschütteln. Da wird ein "Umweltkiller" (z.B. Fleisch) durch einen anderen (z.B. Soja) ersetzt und das wird dann gefeiert. Da scheint es doch schon so, dass die rosa Umweltbrillen vieler Mitbürger mit ordentlichen Scheuklappen ausgestattet sind. Dass das alles natürlich dann auch noch mehr kostet, weil Bio und innovativ, wird als selbstverständlich hingenommen. Verständlich, dass BASF an den Zusatzstoffen in der veganen Wurst auch gerne was verdienen möchte, aber das ist dann weder Bio noch innovativ. Daraus leitet sich dann auch meiner Meinung nach einer der Hauptkritikpunkte des Autors ab: Die hingenommene Überpreisung von 08/15 Produkten ("Holzbrettchen") durch das Pseudo-Label "vegan", Bio, etc.. Wenn auf den Märkten die Stände mit "Hyper-Super-Food" und "Bio/Vegan/Natur" Produkten verbunden mit den entsprechenden Preisschildern nach und nach die "normalen" Stände verdrängen (weil sie unter anderem die steigenden Standgebühren besser finanzieren können), dann ergeben sich immer weniger Möglichkeiten für sozial schwächere Mitbürger, die ihnen liebgewordenen Tradition des Weihnachtsmarktbesuchs zu erleben. Und das Genießen würde der Autor eigentlich, zumindest meinem Verständnis nach, gerne allen gönnen, nicht nur denen, die es sich (noch) leisten können.

  • #4

    Bruno Mayer (Donnerstag, 05 Dezember 2019 22:02)

    Ich fühl mich durch Dr. Sontheimer und Jutta und Gudrun ganz schön erwischt. Obwohl ich bisher klar dachte, ich sei sehr nachdenklich, wenn ich Tollwood aufsuche. Oder wenn ich nächste Woche die
    Weihnachtsfeier der DPGM (Deutsch-Polnischen Gesellschaft München) aus völkerverbindlichen Gründen besuchen werde. Heut kam ich beim nordic-walken zufällig am Harras-Christkindlmarkt vorbei. O je, o je.
    Eigentlich ist man ja auch bei XING nahezu völlig verkehrt. Wer hat an unserem kostenlosen. ziemlich nachdenklichen Winter-Halbjahrprogramm Interesse : Bruno.Mayer1@gmx.de

  • #5

    Gudrun (Freitag, 06 Dezember 2019 17:27)

    @Bruno: Ich glaube, ich habe mich einfach nicht verständlich ausgedrückt. Weihnachtsmarkt ist schön, soll jeder genießen der es möchte. Es gibt jede Menge wirklich schöne und mit sozialverträglichen Preisen. Bio, nachhaltig, etc. ist auch gut, wenn es wirklich Sinn macht. Was mich nervt (und vermutlich auch den Autor) ist der Ausverkauf, der mit den Begriffen Bio, natürlich, etc. betrieben wird. Ja klar ist das Holzbrettchen vegan, logisch. Den utopischen Preisaufschlag sollte das aber trotzdem nicht rechtfertigen. Vermutlich kann man sagen: Die Mischung macht es, dann passt es für alle, die möchten.