Zensierte Realitäten: Warum wir noch nie modern gewesen sind

 

Was haben sich manche von Ihnen, liebe Leser, doch letzte Woche wieder über meinen Blog zur Zensur empört. Von AfD-Nähe über Verschwörungstheorien bis hin zur Klimaleugnung – vieles wurde mir und anderen Diskutanten, die meine Thesen teilten, vorgeworfen. Und das eine Woche nach dem Blog über die individuell konstruierten Realitäten. Querdenker, wir müssen reden! Über zensierte Realitäten.

 

 

Zenur? Gibt es nicht! Und ich habe Recht!

 

Eigentlich waren wir uns doch einig: Realität ist das, was jeder dafür hält. So einfach, so wahr. Klar, es gibt diese geteilte Lebenswelt des Faktischen, bspw. dass das, was Sie gerade lesen aus Wörtern besteht und das Gerät, an dem Sie das lesen, wohl einen Bildschirm hat und irgendwie digital ist.

Von dieser Welt der Tatsachen ausgehend habe ich letzte Woche die These aufgestellt, dass wir in einer Gesellschaft von Verboten und Zensur leben, die insbesondere die Kunst und Kulturszenen bedrohen. Zugegebenermaßen, den Begriff der Zensur hätte ich genauer definieren sollen, wie es sich für einen Ex-Wissenschaftler der Soziologie gehört (lachen Sie ruhig, ich weiß dass manche von Ihnen jetzt denken: Ach so, dann ist ja alles klar). Im Rausch des populistischen Schreibens (wäre der Blog ein wissenschaftlicher Artikel würden Sie ihn kaum lesen und ich ihn nicht so schreiben), habe ich schlichtweg ignoriert, wie streng einem Begriffe ausgelegt werden können. Daher die Korrektur: Ich meinte keine staatlich von oben verordnete oder organisierte Zensur, sondern die Forderungen nach einer Zensur – sprich nach Verboten oder Indizierungen –, die von allen möglichen Akteuren ob politischer, staatlicher oder privater Art kommen können. Beispiele aus der Musik lassen sich dazu binnen Sekunden im Netz finden.

 

Viel spannender war in den Diskussionen allerdings der Vorwurf, dass es angeblich keine Zensur und Verbote in unserem Land gäbe, meine Argumentation daher nur AfD-Sprache wäre. Dazu sei gesagt: In MEINER Lebenswelt begegnen mir Forderungen nach Verboten und Zensuren in Kunst, Politik und Gesellschaft beinahe täglich. Es mag sein, dass es auch in Deutschland Lebensweisen gibt, die frei von diesem Zeitgeist sind, Glückwunsch dazu. Mir aber damit meine Sicht auf meine Lebenswelt gänzlich abzusprechen und zugleich rechtspopulistische Intentionen zu unterstellen, ist schlichtweg böswillig oder absichtlich missverstanden. 

 

Gerade die Vielfältigkeit der individuellen Wahrnehmungen von unserer Welt ist doch die Essenz aller Analysen, wenn wir Realität(en) beschreiben wollen. Ohne den Pluralismus der Meinungen und der Heterogenität der Menschen würden unsere Kommunikationen wohl nur noch aus Grunzlauten bestehen, da ja nichts mehr erklärt werden müsste. Daher sollte man diesen anerkennen und nicht mit Unterstellungen diskreditieren. 

Es ist grundsätzlich schwierig, Hintergedanken, Mindsets oder politische Haltungen aus solchen Zeilen oder Aussagen abzuleiten, ohne den Menschen zu kennen oder sich nicht auf die Argumente einzulassen. Damit verbunden ist auch der mir entgegengebrachte Vorwurf, dass ich mit der Kritik an den Verboten automatisch Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Homophobie auf der Bühne tolerieren würde. In dieser Logik zeigt sich, dass das Dilemma mit den Verboten nicht verstanden wurde, oder man bewusst nur schwarz gegen weiß stellen wollte.      

 


 

Bist du nicht für mich, bist du gegen mich!

 

Leider wird in solchen Debatten heutzutage die Sachebene schnell verlassen und aus einer Position der emotionalen Betroffenheit oder angeblichen moralischen Überlegenheit argumentiert; ein Befund, den ich über das ganze Jahr hinweg in diesen Blogs immer wieder beschreiben musste, offensichtlich noch erfolglos.

 

Es stellt sich die Frage, warum Diskussionen nicht mehr ergebnisoffen, inhaltsbezogen und mit dem nötigen Respekt für andere Meinungen geführt werden können. Fehlt es an der Geduld oder der mentalen Kapazität, um Themen in ihrer Komplexität erfassen zu wollen? Wollen wir lieber schnelle emotionale Katharsis für das Ego als rationale Überlegungen wie eine Folgenabschätzung oder Lösung des Problems? Brauchen wir das "Rechthaben" oder "sich moralisch überlegen fühlen" als täglichen Schuss für das Selbstwertgefühl? Reicht unsere Empathie nicht weiter als bis zum primitiven Freund vs. Feind-Dualismus, der die Komplexität der Grauzonen so wunderbar vereinfacht?  

 

Als "modern" kann diese Art unserer aktuellen Debattenführung sicher nicht bezeichnet werden, außer man verortet die Definition von "modern" irgendwo im dunklen Mittelalter, weit nach der Antike und deutlich vor der Aufklärung. Es scheint, als wären die einstigen Heroen der Rede- und Debattenkunst wie Sokrates, Platon, Ovid, Cicero oder Seneca nicht mehr in Mode. Ebenso wirken die Kunst der dialektischen Diskussionen,  das Suchen nach einem Habermas'schen Kompromiss oder der Wille zu einem respektvoll-sachlichen Streit in Gedenken an Adorno, Popper und Co. wie Relikte aus alten Schulbüchern. 

Kurzum: Wer unsere Gesprächskultur analysiert, muss im Sinne des französischen Soziologen Bruno Latour, den ich hier schon öfter zitiert habe, feststellen: Wir sind nie modern gewesen. Denn modern würde in MEINER Definition heißen: Offen für Neues, respektvoll dem Gegenüber und interessiert an dem Anderen – selbst wenn ich die andere Meinungen nicht teile oder gänzlich ablehne.

 

 


Diskussionen verhindern: So geht es!

 

Um diesen Pessimismus noch zu steigern, hier eine Liste der einfachsten Floskeln, wie Sie jede Diskussion von der Sachebene binnen Sekunden zum persönlichen Anpatzen drehen können:

 

  1. So wie Sie argumentiert auch die AfD, Trump, Putin oder Erdogan!
  2. Sie sind doch ein Antisemit, Rassist, Sexist, Chauvinist oder SUV-Fahrer!
  3. Das klingt wie eine Verschwörungstheorie!
  4. Sitzt der Aluhut heute wieder zu eng?
  5. Dann leugnen Sie bestimmt auch, dass sich das Klima wandelt!
  6. Denken Sie denn gar nicht an Ihre Kinder und die Zukunft? 
  7. Sie haben keine Ahnung von der echten Realität!
  8. Reden Sie mal mit den Leuten auf der Straße!
  9. Ihre Fakten/Studien sind falsch!
  10. Ich habe das so noch nie erlebt!

 

Erweitern Sie diese Liste in den Kommentaren, denn Querdenken heißt auch: Von anderen  Querdenkern lernen! 

 

 

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 Der Soundtrack zum Blog: Erste allgemeine Verunsicherung - "Neandertal"

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Uwe Kuna (Freitag, 29 November 2019 00:15)

    Wie wahr!

  • #2

    Bernd Michael Wanke (Freitag, 29 November 2019 03:36)

    Herzlichen Dank für diesen Beitrag. Er zeigt, dass es doch noch selbständig denkende Menschen auf Xing gibt und nicht nur solche, die den Mainstream nachplappern um Andere verurteilen zu können. Ich hatte die Hoffnung schon beinahe aufgegeben.

    Was hier gerade vorgeht wurde von Rudolf Steiner vor 100 Jahren schon vorhergesehen und kommt in YT-Beiträgen von Axel Burkart, der die Schriften Steiners seit 40 Jahren studiert und "übersetzt" glasklar herüber.
    Erleuchtendes Zeitinvestment auch für Einsteiger:
    Von guten Mächten gestärkt für unsere Freiheit kämpfen - über Denkverbote Manipulation & Impfpflicht
    https://www.youtube.com/watch?v=pXSZ60XWMAk

    Letztlich geht es darum, dass wir das Geistige in uns anerkennen, uns allen Manipulationen und Denkverboten bewusst werden und uns in die geistige Freiheit begeben. Dazu gibt es als Alternative nur einen Rückfall in Zeitalter des Dogmatismus und der Spaltung, nun nicht mehr durch die Kirche, sondern durch den Materialismus in all seinen Ausprägungen diktiert. Um es mit dem Philosophen Pierre Stutz zu sagen: Früher haben uns die Kirchen versklavt, heute machen wir das selber!

    Es bleibt dem freiheitsliebenden Menschen nur eines übrig: Sich der Vergiftung auf seelisch-geistiger, emotionaler und körperlicher Ebene zu entziehen und die Existenz des Menschen als inkarniertes spirituelles Wesen zu begreifen um die aus den Ökodiktaten der Ökonomie und Ökologie resultierende Unmenschlichkeit zu überwinden und zu einem pragmatischen Verhältnis zum Leben, zu Mitmenschen und zur Wirklichkeit auf dem Planeten Erde zu kommen.

    Der Anstieg von Burnout- und Depressionssymptomen sind auch die Anzeichen einer inneren Dammriss-Situation: Das eine Bein im Materialismus, durch den der Lebensunterhalt verdient wird und das andere Bein im tiefen Unterbewussten, dass der Mensch ein spirituelles Wesen in einer geistigen Welt ist. Und diese Bereiche driften unaufhaltsam auseinander. Wer keinen Absturz erleben will wird sich rechtzeitig für sein verschüttetes inneres Gefühl entscheiden müssen um von dieser Warte aus die materielle Komponente zu transformieren.

    Das mag nicht so einfach sein wie es klingt. Doch wer möchte kann die Herausforderungen des Lebens als wohlwollende Begleiter in einem wundervoll heilsamen Prozess begreifen und wenn es gewünscht wird unterstützt die Natur dabei mit all ihren Kräften.

  • #3

    Esther (Freitag, 29 November 2019 08:27)

    Wirklich wahr, danke.
    Mir gefällt auch immer:
    99,8% der Wissenschaftler sagen....
    Zum einen sind das teilweise Wissenschaftler, die nicht mal ansatzweise was sie bestätigen, verstehen können, und zum anderen klingt das immer wie Wahlergebnisse in der DDR oder in China. Selbst Evolutionsbiologen leugnen etwas seltener Gott! Nur etwas, aber immerhin keine 99%!

    Natürlich wird zensiert. Und das wird geschickt gemacht, um wieder auf die alten Philosophen zu kommen, selbst Platon schrieb "Das Weglassen der anderen Hälfte der Wahrheit ist die schlimmste Form der Lüge!" und das passiert in vielen Nachrichten. Einseitige Berichterstattung.
    In der Naturwissenschaftlichen Szene, soweit ich das weiß, ist das noch nicht ganz so schlimm, weil man da seit jeher eher rational arbeitet und nicht mit schmückenden Worten.

    Ich bin ein sehr liberaler Mensch. Ich fordere immer, dass man Menschen beleidigen darf, hassen darf und verachten darf und es auch sagen darf. Meine Arbeitskollegen waren erstaunt, als ich ihnen das erklärte. Man darf gerne Fräulein zu mir sagen (auch wenn ich verheiratet bin), aber ich sage dann auch "Männlein" zurück! So funktioniert es nur.
    Was nicht geht ist ein Aufruf zum Mord. Sonst sehe ich das ganz unkritisch. Ich bin für die absolute Meinungsfreiheit in Reinform, denn sobald nur etwas zensiert wird, kommt mehr und mehr und mehr was nicht gesagt werden darf. Am Ende überlegt man Minuten vorher was man überhaupt in welcher Form korrekt noch sagen darf. Und das verhindert Innovationen und Ideen. Und ohne Kreativität und freies Denken gibt es keinen Fortschritt mehr.

    "Die Gedanken sind frei" - ja, aber wenn man während des Denkens noch denkt, dass das ja vermutlich rassistisch/sexistisch/x-istisch ist, dann sind sie es eben nicht mehr.

  • #4

    Dean (Freitag, 29 November 2019 08:53)

    Sehr gut geschrieben/gesagt. Leider leben wir in einer ziemlich dogmatischen Zeit, alsbald man eine „politisch-nicht-korrekte“ non-mainstream Meinung äußert, wird es gleich etikettiert. Und es sind in so kurze Zeit derartig viele „Etiketten“ entstanden! Ich frag mich nur, wer schreibt diese „neue kleine bunte Mao-Bücher“ mit täglich neuen Regeln, was ist korrekt und was nicht….

  • #5

    Nils (Freitag, 29 November 2019 09:57)

    Querdenken muss erlaubt sein.
    Auch alles darf diskutiert und ausgesprochen werden, ohne dass direkt mit pauschalen Urteilen geantwortet wird.
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    Jetzt kommt das ABER: es gibt eine wissenschaftliche Realität, die muss hart erarbeitet und bestätigt werden. Diesen Erkenntnisgewinn sollte man nutzen und nicht negieren.
    Diese wissenschaftliche Erkenntnis hat dazu geführt dass der Mensch so erfolgreich die Erde besiedelt hat und so gesund und lange lebt wie nie zuvor.
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    Eine wesentliche Erkenntnis ist: es gibt keine genetisch relevanten Unterschiede zwischen unterschiedlichen Menschen, bloss weil sie z.B. eine andere Hautfarbe haben. Das kulturelle Umfeld und die Erziehung prägen die Menschen stark und alle Menschen sind tatsächlich Brüder!
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    Andere als minderwertig zu betrachten ist ein uralter Impuls, der in letzter Zeit wieder verstärkt ausgegraben wird und das Nationale über alles zu stellen.
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    Egal welcher Meinung jemand ist, wenn man sich länger mit ihm unterhält und ihn ernst nimmt, dann merkt man an irgendeinem Punkt fast immer, dass man sich doch verstehen kann und gar nicht soweit von einander entfernt ist. Was fehlt ist der Wille und oft auch die Möglichkeit offener miteinander zu sprechen.
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    Es geht um ein verstärktes Miteinander - da wir global vernetzt sind wird das umso wichtiger!
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    Es geht um die Lösung der dringendsten Probleme auf der Welt und eines der dringendsten ist
    die Erhaltung der Lebensräume für die vielen Millionen Arten: Tiere und Pflanzen.
    Damit die Erde in ihrer Schönheit und damit auch die Menschheit erhalten wird.