Zukunft Zensur: Wie Verbote die Kunstszene bedrohen

Es ist beängstigend, wie sich in den letzten Jahren eine Kultur der Zensur in diesem Land breit macht. Ob beim Klima, in der Medizin oder in der Kunst, für jedes Problem kann es scheinbar nur eine Lösung geben: Das Verbot! Wir fragen: Wie gestaltet sich die Zukunft, wenn die Zensur das Land regiert? 

 

Meinungsunfreiheit 

 

Den Verlust der Dialogfähigkeit in unserer Gesellschaft haben wir in diesem Blog ja schon mehrfach diskutiert. Diese Woche erweitern wir das Thema der mangelnden Kommunikation um den Bereich der Verbote, denn es verstärkt sich der Eindruck, dass bei jedem Problem sofort ein neues Gesetz gefordert wird – für einen Quer- und Freidenker ein wahrer Graus. Denn die besten Mittel zur Lösung sollten noch immer Diskussion, Kreativität, Innovation, Perspektivenwechsel basierend auf einer exakten Analyse des Problems sein. 

Beim Blick auf die aktuellen Debatten zeigt sich allerdings, dass das Interesse an tiefgreifenden und möglicherweise auch komplexen Analysen mit einem offenen Ergebnis kaum mehr existiert. Der Diskurs wird von moralischem Populismus und ideologischer Oberflächlichkeit geprägt, einfache Antworten bekommen den schnellen Applaus, ohne dass die Konsequenzen dabei bedacht werden. 

Als Standardbeispiele werden hierzu gerne die Grünen bei den Antworten zum Klimawandel als sog. Verbotspartei angeführt, was wir aber nicht ausführen wollen. 

Unser Fokus soll auf ein anderes gesellschaftliches Feld gerichtet werden, wo die Zukunft noch wesentlich dramatischer von Zensur bedroht wird als in der Wirtschaft: Nämlich in der Kunst- und Kulturszene, die im Grundgesetz aus guten Gründen mit besonderen Freiheitsgraden ausgestattet wurde. Denn die Einschränkung von Freiheit in der Kunst aus ideologischen oder politischen Interessen ist der Beginn der Infragestellung von unserem gesamten demokratischen Pluralismus. Keine Frage, auch die Kunst hat Grenzen und Tabus. Doch es scheint, als ob das Maß des Zumutbaren immer enger wird und jede kritische Kunst sofort mit Verboten belegt werden soll.        

 


 

Zensurkultur in der Kulturszene

 

Nehmen wir als Beispiel die Musikszene: Ob im Deutschrock (Böhse Onkelz, Krawallbrüder, Schandmaul), im Hip Hop (Kollegah, Sido, Kool, Savas), im Schlager bzw. in der Volksmusik (Andreas Gabalier, Hansi Hinterseer), im Punk (Wizo, Ärzte) oder im Metal (Deströyer 666, MGLA) – jedes Musikgenre hat seine Grauzonen und Ränder des Erträglichen.

Immer häufiger werden für solche Bands Konzertverbote gefordert, um Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Sexismus und Extremismus keine Bühne zu geben. Es wird niemand bezweifeln, dass dieses Anliegen absolut richtig und nicht zu diskutieren ist. Fraglich ist aber, ob man den Kampf gegen diese Einstellungen nicht mit intelligenteren Mitteln als einem Konzertverbot führen muss und kann. Denn ein Verbot beseitigt nicht automatisch das Problem und die Ursachen, sondern verdrängt nur ein Symptom. Zudem gilt zu bedenken, dass eine Absage immer nur der Beginn einer Reihe von neuen Konsequenzen ist, die häufig ignoriert werden und bei denen unterschätzt wird, dass sie für die eigentlich gute Sache auch kontraproduktiv sein können:

Gerade für junge Fans, die die Texte eher nach Coolness und Provokationsgrad als nach moralisch-ethischen Inhalten bewerten, muss eine intensive Begleitung zu solchen Konzerten und Bands stattfinden. Wer nur nach einfachen Lösungen bei Antisemitismus oder Rassismus ruft, relativiert das Problem anstatt es kritisch zu diskutieren, zu begleiten und zu kommentieren. Viele Fans verstehen die Kritik oft nicht. Was folgt, sind Solidarisierung mit der Band, ignorantes Trotzverhalten oder eine Wagenburgmentalität. Oder noch schlimmer: Mit dem Verschwinden in den Untergrund, in Hinterzimmern oder in Kellern außerhalb jeder sozialen Mitte, wo keine öffentliche Kontrolle mehr herrscht und geistige Brandstifter leichtes Spiel haben. 

 

 


"Wenn die demokratische Mitte Reizthemen meidet, werden diese an den politischen Rändern zu Hauptthemen." (Joachim Gauck, Altbundespräsident)

 

Für viele Hallen- und Clubbetreiber werden diese Themen zunehmend zur Belastung, da ja meist nicht die Politik, sondern die Locations die Verbote durchführen und die Konsequenzen tragen müssen. Natürlich können im Booking vorab manche Bands vermieden werden. Allerdings entsteht das Problem ja nicht bei Bands, die eindeutig über das Zumutbare hinausgehen, sondern bei denen,  

wo die Grenzen zwischen noch-tolerierbar und nicht-mehr-erträglich unklar sind. Was für den einen rechts ist, ist für den anderen noch konservativ, was für den einen sexistisch ist, ist für den anderen nur geschmacklos.   

 

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Zukunft Zensur oder Aushalten-Müssen?

 

Genau in diesem Spannungsfeld liegt das Dilemma von Bands an den Randzonen: Wo sind die Grenzen der künstlerischen Freiheit? Wer bestimmt diese? Was ist das beste Mittel, um Fans oder auch Künstler zu sensibilisieren? Wie definiert  man antisemitische, rassistische oder extremistische Inhalte überhaupt? Wie interpretiert man Lieder und Aussagen richtig? Wollen wir weiterhin eine kulturelle Vielfalt in unserem Land mit der Folge, auch Extreme aushalten zu müssen? 

Diese Fragen sind es, die wir eigentlich quer diskutieren müssen. Vielleicht müssen wir manche Dinge ertragen, auch wenn sie für einen selbst unerträglich sind. Oder wie Altbundespräsident Joachim Gauck es formuliert: "Toleranz ist mitunter eine Zumutung."[1]

Ein Weg um das Maß des Ertragbaren am jeweiligen Einzelfall zu bestimmen, sollte daher der Dialog mit den Betroffenen der jeweiligen Diskriminierung sein. 

Doch sollten wir bei aller Betroffenheit nie vergessen: Demokratie und Freiheit impliziert immer, andere Meinungen aushalten zu müssen, solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes sind.  Denn die Freiheit der Kunst und Kultur ist ein hochsensibler Grundpfeiler unserer offenen Gesellschaft, der nicht einfach für den Preis des schnellen moralischen Beifalls angesägt werden darf. 

 

     

[1] https://www.sueddeutsche.de/leben/gesellschaft-leipzig-gauck-toleranz-ist-mitunter-zumutung-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-191005-99-166144

 

 

Der Soundtrack zum Blog: Die Ärzte – Ein Lied über Zensur

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Skully (Donnerstag, 21 November 2019 12:39)

    >> Wo sind die Grenzen der künstlerischen Freiheit? Wer bestimmt diese? <<

    Sofern nicht durch das GG konkret erwähnt (z.B. Symbole) sind die Grenzen ein Gefühl. Zumeist ein kollektiver Art.
    Dieses Gefühl ergibt sich aus der Mehrheit der Gesellschaft; und zwar zu jeder Dekade.

    Was heute z.B. mit abstrakter Kunst akzeptiert wird, vom kollektiven Gefühl mehrheitlich auch manchmal als "gesponnen" gesehen (also gefühlt) wird, wurde vor drei oder vier Dekaden gar nicht als Kunst gesehen bzw. anerkannt (die Naziverbote sind hier nicht gemeint).

    Als Gropius sein modernes Haus in Weimar direkt neben ein klassisches Stadthaus baute, waren die Leute entsetzt. Da auch das BAUHAUS zunächst mit Kunst-Handwerk begann und sich daraus die Designs ergaben (z.B. Form folgt Funktion) wurde vom Mehrheitsgefühl der Masse abgelehnt.

    Erst als die Nazis viele Studenten und Professoren von BAUHAUS in die USA verjagten und diese dann mit großem Erfolg ihre Arbeiten fortsetzten (z.B. Wolkenkratzer) setzte sich weltweit diese Kunst durch.

    Sprich das weltweite Gefühl der Menschen für BAUHAUS "Kunst" war positiv.

    Um zum Beispiel Musik zu kommen, ich glaube Konzertverbote sind zum Teil schon wirksam. Damit Leute die Texte (um die es hierbei ja geht) nicht zum Lebensinhalt bzw. positiv gefühlter Richtigkeit führen, muss man bereits im Kindergarten anfangen die Weichen zu stellen.

    Das "Wie" ist aber m.E. auch eine Frage des Gefühls der Mehrheiten. Denn bei der Erziehung stellt sich doch genau die selbe Frage: Was muss wie den Kindern nahegebracht werden. Ist Zuckerbrot ok, die Peitsche strikt verboten? Autoritär oder Antiautoritär? Wo sind die Grenzen? Wer legt die Fest.

    Im Grunde ein immerwährender gesellschaftlicher Prozess der sich durch die zukünftigen Dekaden durch die Einflüsse des Wissen und der Gefühle stetig ändert und in Teilen wiederholt.

  • #2

    Hans-Werner Gress (Donnerstag, 21 November 2019 15:17)

    Ich teile die Einschätzung, dass sich eine zunehmende Zensurkultur breitmachen würde, nicht. Diese Diskussion wird uns hauptsächlich von der AfD und rechten Populisten aufgedrängt, die es nicht ertragen können wenn man ihren abstrusen politischen Statements widerspricht, und die deshalb die These von der eingeschränkten Meinungsfreiheit in Deutschland verbreiten. Wir sollten diese kruden Theorien nicht auch noch in abgewandelter Form aufgreifen.
    Ich stimme aber zu, dass manche Diskussion um political correctness zum Teil verbissene Züge annehmen, und dass dort nicht unbedingt die gedankliche Freiheit herrscht, die man von anderen einfordert. Aber ist das ein allgemeiner Trend? Oder ist es nicht eher so wie in anderen Bereichen, wo die, die am lautesten schreien, die meiste Beachtung erfahren?
    Wenn wir uns auf die Grundlagen und Bedingungen für eine freiheitliche Gesellschaft besinnen, dann geht es vor allem darum, den Versuchungen der scheinbaren Trends zu widerstehen, sich nicht verrückt machen zu lassen und sich auch nicht frustriert abzuwenden, sondern sich für Freiheit und Gerechtigkeit für alle (d.h. auch für andere Kulturen und zukünftige Generationen) einzusetzen.

  • #3

    Marco Müller (Donnerstag, 21 November 2019 16:12)

    Ich teile Ihre Einschätzung nicht. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben mit Recht einen klaren Grenzstrich gezogen. Niemand soll wegen seiner religiösen, kulturellen, sexuellen oder politischen Meinung/Haltung durch die staatliche Gewalt verfolgt werden. Vollkommen richtig.

    Keine der von Ihnen genannten Konzerte wurden durch staatliche Gewalt unterbunden.

    Was jedoch den demokratischen Diskurs und auch den Liberalismus auszeichnet, ist das eben jeder Veranstalter, Verleger, Herausgeber ebenfalls eine Meinungs- und Vertragsfreiheit besitzt. Und das was Sie als Zensur beschreiben, ist die bloße Ausübung der liberalen Freiheiten durch ebendiese. Wenn diese Beschließen (auch als Ergebnis eines öffentlichen Diskurses, wie er in Demokratien üblich ist) diesen Haltungen und Meinungen keinen Raum zur Verfügung stellen zu wollen, dann ist es genau das, was Demokratien auszeichnet. Niemand darf gezwungen werden, einer Meinung Raum zu verschaffen, die er für unangebracht hält.

    Leider verfangen sich immer mehr Menschen in der Erzählung der rechten Rattenfänger, eine staatliche Zensur fände statt. Das ist insofern richtig, das das Strafgesetz ganz klar auch bestimmte verbrecherische Haltungen unter Strafe stellt, z.B. wenn dadurch Persönlichkeitsrechte Dritter verletzt werden.

    Und darüber hinaus, erläutert der Artikel der Zeit ganz gut, was DemokratInnen tun sollten https://www.zeit.de/kultur/2019-11/rechtsextremismus-afd-populismus-rassismus-propaganda-rechtsruck

  • #4

    Kilian Englert (Freitag, 22 November 2019 00:03)

    Warum wird hier versucht, das neutral angesprochene Thema sofort in die politisch rechte Ecke zu drängen? Genau das ist die im Artikel angesprochene fehlende Dialogfähigkeit, in dem mit politischen Pauschalierungen jegliche Diskussion unterbunden werden soll.
    Wenn hier offensichtlich ein Teil der Bevölkerung den Eindruck hat, es würde Zensur stattfinden oder es würden zu viele Verbote angestrebt, dann kann das doch sachlich diskutiert werden, ohne zu politisieren?
    Daraus kann sich dann nach Abwägung der Fakten und Eindrücke jeder selbst seine Meinung bilden und die Mehrheitsmeinung entscheidet. So funktioniert nun mal Demokratie...

  • #5

    Marco Müller (Freitag, 22 November 2019 18:28)

    Es könnte auch sein, das ein Teil der Bevölkerung die Zensur-These ohne Belege aufstellt (=Fake News) um damit Machtpolitik zu betreiben. Welche tatsächlichen Hinweise gibt es denn auf staatliche Zensur außerhalb des geltenden Rechts (also konkrete Rechtsverstöße, wie Aufruf zu Straftaten, Verwendung verbotener Symbole ...).

    Wer Zensur sagt, muss diese schon auch konkret benennen.