Warum wir Mobilität als soziale und globale Frage verstehen müssen

Das Thema Mobilität wird uns hier im Blog noch ein paar Wochen begleiten. Zu wichtig sind die Fragen rund um den Verkehr, das Reisen und die globale Vernetzung.

 

Diese Woche legen wir den Fokus auf die soziale Dimension, denn Mobilität bedeutet auch: Zugang zu Bildung und Wohlstand!

 

 

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Erste Welt-Wut

 

Häufig bekommt man Dokumentationen zu sehen, die einem den Blutdruck auf 180 schießen lassen. Grund für diese Wut sind unter anderem Berichte über die Lebenslagen von Kindern in vielen Entwicklungsländern. Ob nicht vorhandene Schulen, lebensgefährliche Schulwege oder Dörfer ohne jegliche infrastrukturelle Anbindung – der Bedarf an Mobilität ist gigantisch. Zugleich sehen wir Dokumentationen, wie sich in den europäischen Großstädten E-Scooter-Chaos, E-Bikes und Carsharing-Flotten immer weiter ausbreiten. 

 

Diese Diskrepanz zwischen Mobilitätsübersättigung in den Metropolen der Ersten Welt einerseits und der verheerenden Unterversorgung in Ländern der Dritten Welt andererseits macht nicht nur wütend, sondern verweist auch auf die großen sozialen Probleme, die in solchen Diskussion leider nur am Rand erwähnt werden.

 

 

Der Querdenker-Kongress


Das alte Leid: Urbaner vs. ländlicher Raum

 

Leicht bekommt man bei politischen Debatten den Eindruck, dass unter Mobilität nur Mobilität für die überfüllten Großstädte gemeint ist. Noch mehr E-Konzepte für die Innenstädte der Nation, obwohl das Verkehrsproblem schon mindestens 100 km vor der Stadt beginnt. Anstatt den Verkehr möglichst aus den Städten in die ländliche Breite zu verlagern, werden die Konzepte immer enger, denn ein E-Scooter ersetzt weder ein Auto, noch den Pendlerverkehr, sondern maximal das Fahrrad oder das Laufen. Es kann nicht sein, dass auf dem Land kaum mehr ein ÖPNV oder Bahnverkehr stattfindet, während in den Städten ein Kampf der mobilen Konzepte herrscht.

 

Mobilität heißt daher auch zu fragen, ob und wo man überhaupt wie mobil sein muss. In Zeiten von Home Office und Digitalisierung können sicher viele Wege eingespart werden. In Verbindung mit flexiblen Arbeitszeiten könnten sich Stoßzeiten im Verkehr zudem ausdünnen und das Kollabieren der Städte verhindern. Vielleicht wäre an manchen Punkten gar kein Ausbau der Mobilität notwendig, sondern nur eine zeitliche Umlagerung. Dies würde allerdings ein massives Umdenken im Kopf bei Politik, Wirtschaft und den Bürgern erfordern.  

 

 

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Flugtaxis für die Eliten, überfüllte Züge für das Proletariat: Mobilität ist Wohlstand

 

Die Bevorzugung von Stadt vor Land ist in ihrer Struktur ähnlich wie die Spaltung von arm und reich. So spannend die Entwicklungen von Flugtaxen, autonomen Autos oder anderen klimafreundlichen Verkehrskonzepten sind, so gefährlich sind diese auch hinsichtlich der Nutzbarkeit für die breite Bevölkerung. Denn diese Technologien kosten viel Geld und können leicht zu reinen Elitenprojekten werden. Die Masse der Menschen hat nicht die Möglichkeiten, stets neue Autos zu kaufen, die Preise von Flugtaxen zu zahlen oder auf Mobilität gar zu verzichten, angesichts der Immobilienpreise in den (Innen-)Städten.

 

Mobilität muss daher sozialverträglich für alle gestaltet werden und darf kein Luxus der Reichen werden nach dem Motto: Auch der Schüler sollte ein Flugtaxi nutzen können. 

Damit einhergehend ist die Notwendigkeit, die shared economy bzw. mobility noch weiter zu fördern. Fahrgemeinschaften, gemeinsam genutzte Autos oder Räder, multiple Nutzungsformen – die Liste der Möglichkeiten ist lang und darf täglich erweitert werden.

 

 

Freude am Fahren oder Laufen, um zu Überleben: Industrienationen vs. Entwicklungsländer

 

Anknüpfend an die Frage, wer sich in den technisierten Ländern moderne Mobilität leisten kann, muss auch diskutiert werden, wie diese Mobilität im Globalen "verteilt" werden kann. 

Allein aus humanistischen Gründen muss überlegt werden, wie sinnvoll der 5. E-Scooter-Anbieter in München oder Berlin ist, während in anderen Erdteilen noch nicht mal Straßen existieren. Es kann als ein Armutszeugnis der reichen Länder bezeichnet werden, wenn hier über Mobilität diskutiert und dabei aber nur an den eigenen nationalen oder regionalen Fortbewegungsegoismus gedacht wird, während in vielen Ländern die Menschen weder Bus, Bahn noch Auto haben.

 

Entwicklungshilfe muss daher auch Hilfe zur Mobilität sein, um den Menschen Bildung, Gesundheit und Wohlstand zu ermöglichen. Aus ökonomischer Sicht ist es zwar logisch, wenn die großen Automobilhersteller E-Auto-Showrooms oder Forschungszentren in Berlin, München oder Hamburg eröffnen. Doch wäre es nicht ein wunderbares Zeichen an die Welt, neue Technologien zuerst in die Länder der Dritten Welt zu bringen, anstatt unsere eh schon technikübersättigte Gesellschaft noch weiter zu mästen? 

 

 

Mobiltät ist Humanismus

 

Natürlich brauchen wir in den Industrienationen moderne Mobilitätskonzepte. Doch die Frage muss erlaubt sein, ob aus einer humanistischen Sicht die Fokussierung auf Regionen ohne Mobilität nicht wesentlich wichtiger wäre. Können wir als Weltgesellschaft im Jahr 2019 guten Gewissens akzeptieren, dass ca. 264 Millionen Kinder keinen Zugang zu Bildung haben (Angaben von der Unesco von 2017) während die Neuzulassungen (!) von SUVs allein in Deutschland 2019 die Millionenmarke überschreiten werden? Wollen wir weiter Mobilität fördern, die zwar hip und modern erscheint, aber zu Lasten der Umwelt geht? Wenn zum Beispiel der E-Scooter in Paris auf dem Sperrmüll oder in Marseille im Meer landet? Oder der E-Scooter von der Ökobilanz schlechter als ein Dieselbus ist?

 

 

Nur wer Mobilität global und quer durch alle sozialen Strukturen denkt, kann optimale Lösungen für die Zukunft erarbeiten. Bei unserem Querdenker-Kongress sowie unserer Innovationsmesse im November wird das Thema Mobilität daher unter dem Fokus der Diversität(en) in einer Podiumsdiskussion sowie in verschiedenen Keynotes von Experten analysiert werden.

 

 

Der Song zum Blog

 

 

Warum Mobilität deswegen auch als Kulturgut einer Gesellschaft begriffen werden muss? Die Antwort dazu gibt es hier nächste Woche.

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Alexander Trezek (Freitag, 13 September 2019 08:55)

    Sehr geehrte Querdenker,
    ich gebe Ihnen hier eindeutig Recht und die Mobilität ist bis vor einigen Jahren auch in den Industrieländern oder auch den G 18 Staaten relativ gesellschaftlich gefestigt nun gestiegen.
    Dennoch hat uns Menschen ein Gott oder Schöpfer uns diese Erde vorgegeben, die letzten drei Generationen haben entwickelt, die Menschheit hat sich weiter entwickelt Dennoch haben wir uns über die Müllentsorgung und deren Bedeutung und einer Wirkung auf die Natur überhaupt keine Gedanken gemacht. Aus den Augen aus dem Sinn, ob beim Bürger oder dem Politiker.
    Nun machen wir es weiter so, am eigenen Leib, im eigenen Land sind wir alle super, die anderen sich die Übeltäter.
    Die Natur, unsere Erde macht keinen Müll, wir müssen dafür sorgen, dass unser Müll komplett verwertet werden kann. In Europa machen wir Biodiesel aus dem benutzen Friteusenfett, seit Januar gibt es eine Anlage die mach aus Fettabscheidern ein neues Zwischenprodukt, daraus wird ebenfalls Biodiesel hergestellt. Die Asiaten machen aus Friteusenfett nun Biokerosin, die Niederlander bauen im nächsten Jahr in Schiphol eine Kopie davon.
    Der Abfall "Friteusenfett" ist als sekundäres Produkt so ergiebig, dass der Gastronom keine Kosten für die Entsorgung bezahlt. Damit habe ich auch Gesellschaftlich eine Chance bei einer Ausweitung dieses Weges doch die Antriebe von Morgen in einer anderen Preisdimension zu gestalten.
    Die Politik muss nicht nur die Steuern sehen, die Sätze erhöhen, Flüge verteuern damit wir weniger fliegen. Selbst die eigene Deutsche Bahn ist ja nicht einmal rentabel geführt.
    Wir benötigen keine Verbote, Steuererhöhungen, sondern viele Alternativen und wenn diese nicht eingehalten werden, dann kann ein Bussgeld erfolgen. Hier haben wir doch beim Tempolimit die besten Erfahrungen, ob in Deutschland oder in Europa. Alle machen mit, der Bürger zahlt und die Politiker geben aus

  • #2

    Fabio Kraft (Sonntag, 15 September 2019 20:32)

    Hallo Herr Sontheimer,

    Sie haben viele gute Ideen und sicherlich hat die Frage der Mobilität auch immer eine soziale Komponente. Denn Bewegung kostet und wer mehr Ressourcen hat, bzw. wohlhabend ist, der kann dieses Gut besser wahrnehmen.

    Was mir persönlich bei der Diskussion um Mobilität fehlt, ist eine Grundsatzfrage. Wir hoffen, dassvE-Autos nun das Heil bringen, aber auch die benötigen Ressourcen und kosten derzeit noch viel Geld. Mobilität muss anders gedacht werden.

    Die beste Mobilität ist die, die wir nicht benötigen. Sie haben das kurz in einem Absatz erwähnt, aber eigentlich verdient dieser Gedanke deutlich mehr Rampenlicht. Wenn ich alles lebenswichtige vor Ort finde, dann ist meine Nachfrage nach Mobilität viel kleiner. Im Kern geht es nicht darum, Mobilität mit neuen Antriebskonzepten genauso weiterzuführen, sondern Mobilität durch neue Versorgungskonzepte möglichst obsolet zu machen. Stichwort "Walkable Neighbouhood and City"