Überlebensguide in einer komplexen Welt

Der Segen des Nicht-Wissens

 

Wir leben in Zeiten exponentiellen Wachstums. Rasend schnell entwickelt sich die Technik, der weltweite Wohlstand wächst und wächst und die Menschheit wird globaler, vernetzter und digitaler. Wir stehen an einer Schwelle und die kommende Zeit lässt sich vor allem durch ein Wort charakterisieren: Komplexität.

 

Schon im Jahre 2011 sprach Prof. Peter Kruse, Vernetzungsexperte, vor einem Ausschuss des Bundestag und prognostizierte eine Zukunft, die sich Schritt für Schritt zu bewahrheiten droht. In Zeiten der Vernetzung und einer für den Menschen kognitiv nicht mehr greifbaren Komplexität, die er zu bewältigen hat, funktionieren viele der alten Systeme nicht länger und müssen grundlegend überdacht werden. In der Rede vor dem Ausschuss ging es um die Überlebensfähigkeit der Demokratie. Das Aufkeimen von rechtsextremen politischen Lagern, die großflächige Manipulation von Wählern für Präsidentschaftswahlen - solche Nachrichten häufen sich in den letzten Jahren. Prof. Peter Kruses Hoffnung war, dass die Bürger die neuen Verhältnisse für sich nutzen. Diese Hoffnung hat sich bis jetzt nicht bewahrheitet, sondern vor allem die Mächtigen scheinen diesen Wandel geschickt für sich zu nutzen und geschickter im Umgang mit Komplexität und Vernetzung zu sein. Somit ist der Umgang mit Komplexität nicht nur eine technische oder ökonomische Frage, sondern im selben Maße auch eine ethische. Der gekonnte Umgang mit Vernetzung und Komplexität verhilft zu Macht und Macht bedarf einer verantwortungsvollen Herangehensweise.

 

 

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Es ist nicht kompliziert, es ist nur komplex.

 

Doch zuerst wollen wir den Begriff der Komplexität genauer fassen. Komplex ist nicht gleichzusetzen mit kompliziert. Auch eine mögliche Überforderung mit den Umständen, nach dem Motto „Das ist mir alles zu viel“, spricht vor allem für einen komplizierten, aber nicht unbedingt komplexen Sachverhalt. Komplexität ist vor allem gleichzusetzen mit Unvorhersagbarkeit. Selbst wenn man alle Ausgangsbedingungen kennt, kann man nicht sagen, was als nächstes passieren wird. Auch die berühmte Chaostheorie fällt unter den Begriff der Komplexität. Wenn in China ein Schmetterling mit den Flügeln schlägt, fällt in Deutschland ein Hochhaus um. Diese Möglichkeit der Verkettung von sehr fernen Begebenheiten lässt sich durch klassisches Ursache-Wirkungs-Denken nicht rechtfertigen. In Zeiten der Komplexität braucht es ein neues Denken, ein neues Weltverstehen und vor allem andere Kompetenzen. Im letzten Jahrhundert haben der Verstand und die Wissenschaft die Welt regiert. Die Logik hat als ultima ratio im Zweifelsfall gute Lösungen geliefert. All das ist Vergangenheit, weil so in einer komplexen Welt nicht mehr möglich und gleichzeitig wird der notwendige Wandel im Denken und Fühlen von vielen Unternehmern, Politikern und Menschen noch negiert.

 

 

Der Querdenker-Kongress


Navigieren in Zeiten der Komplexität

 

Eine Theorie zeichnete sich in der Erforschung der Komplexität in den letzten Jahren durch ihre Einfachheit und Praktikabilität besonders aus, die Theorie der Synergetik. Entwickelt von Prof. Hermann Haken aus der Laserphysik, fand die Theorie als nächstes vor allem in der Psychotherapieforschung ihre Anwendung. Die grundlegenden Postulate sind schnell erklärt und gleichzeitig aussagekräftig.

  1. Komplexe Systeme sind unvorhersehbar und damit ist langfristige Planung obsolet. Planung gibt ein Gefühl der Sicherheit, liefert aber gleichzeitig den trügerischen Fehlschluss, dass sich die Zukunft kontrollieren lässt. Deswegen ist sie sicherlich wichtig, um Menschen Halt zu geben und gleichzeitig aber auch gefährlich. Denn niemand weiß in einem komplexen System, was Schritt zwei ist, bevor man den ersten gegangen ist. Demnach ist sowohl ein Therapiemanual als auch eine langfristige Unternehmensplanung, als auch eine langfristige Wirtschaftsprognose mit einer ähnlichen Vorsicht zu genießen, wie der Wettervorhersage für einen Tag in fünf Jahren.

 

Eine Offenheit gegenüber dem, was gerade wirklich ist, die Bereitschaft immer wieder von Null zu beginnen und die Fähigkeit, Ungewissheit und Spannungen auszuhalten, sind die Kompetenzen der Zukunft. Heißt das, dass sich die Zukunft gar nicht kontrollieren und steuern lässt? Nein, das heißt es definitiv nicht, nur die Art und Weise die Zukunft zu gestalten, funktioniert in komplexen Systemen anders als gewohnt.

  1. Das Mittel der Veränderung ist nebensächlich, solange die Rahmenbedingungen stimmen. In der Synergetik spricht man von generischen Prinzipien. Sind diese erfüllt, kann sich das System in Selbstorganisation an die veränderten Umstände anpassen. Sind diese nicht erfüllt, kann man sich bemühen wie man möchte, es passiert trotzdem nichts. Ähnlich wie ein Grashalm, der nicht schneller wächst, wenn man daran zieht (der Versuch, Selbstorganisation beschleunigen zu wollen), aber doch aufhört zu wachsen, sobald man die Luft, das Wasser, das Licht oder die Mineralstoffe entzieht (die generische Prinzipien sind nicht mehr erfüllt), steuert man komplexe Systeme durch das Herstellen der richtigen Rahmenbedingungen.

Während sich die Therapieschulen noch darum streiten, welche Tools die besten sind, sagt die Forschung, dass alle im gleichen Maß funktionieren, solange die generischen Prinzipien erfüllt sind. Während die Beratungshäuser und Change-Consultants sich noch darum prügeln, welche Formate die erfolgversprechendsten sind, sagt die Synergetik, alle seien gleich gut, solange die Rahmenbedingungen stimmen. Und das kann man für jede Branche und politische Diskussion weiter spinnen. Meist wird immer noch um das Mittel gestritten und die notwendigen Rahmenbedingungen gar nicht beachtet. Allein mit dieser Sichtweise, mehr die Rahmenbedingungen im Blick zu haben als das eigentliche Thema, lassen sich viele Themen querdenken.

 

Ein erster Schritt ist also jeweils die nötigen Rahmenbedingungen zu identifizieren. In der Psychotherapie wird dabei auf die Wirkfaktoren und die neuropsychologische Forschung zurückgegriffen (Zuversicht, Atmosphäre, Vertrauen, Emotionen, Systemverständnis, Veränderungsmotivation, Problembelastung, Selbstfürsorge). In der Organisationsentwicklung hingegegen, meist auf das VUCA-Modell (Volatilität, Ungewissheit, Komplexität und Ambiguität) und den sich daraus ergebenden Rahmenbedingungen für das Überleben in einer VUCA-Welt (Leadership-Skills des 21. Jahrhunderts). Prof. Gerald Hüther betont vor allem die Begeisterung, die Dopamin-Dusche im Gehirn, und Würde im zwischenmenschlichen Umgang. In meinem Bemühen, Gemeinsamkeiten in den einzelnen Forschungsarbeiten zu finden, habe ich die Begriffe Transparenz, Begeisterung und Demut gewählt. Durch das Verkörpern dieser ist sowohl der Informations-und Feedbackfluss sichergestellt als auch der individuelle Bezug zum Lernen (Begeisterung), wie auch eine empfehlenswerte Haltung gegenüber Unsicherheit und der Welt (Demut). Mit Sicherheit sind diese Begriffe weder vollständig noch allumfassend und zugleich bieten sie eine mögliche Grundlage für die Formulierung einer grundsätzlichen Haltung und Ethik im Umgang mit Komplexität.

 

 

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Haltungen und Ethik

 

Wenn wir den Blick auf die Gesellschaft richten, hätte das Schaffen dieser generischen Rahmenbedingungen direkte Folgen für das tägliche Miteinander. Es resultiert einen neuen Umgang miteinander, eine neue Ethik des Zusammenlebens, Wirtschaftens und Regierens.

 

Transparenz: Das System als Ganzes muss wissen, wo es steht, um adäquat reagieren zu können. Fortwährendes Feedback ist unersetzlich. Machtpositionen aufgrund von Wissen, starren Hierarchien und Einzelkämpfertum sind fehl am Platz. Denken wir ein politisches System, welches auf Transparenz, Ehrlichkeit und Offenheit basiert und wir haben ein gesellschaftliches System geschaffen, in welchem z. B. Deutschland sich an die schnell verändernde weltpolitische Lage optimal anpassen könnte. Schluss mit Silodenken und Alleinherrschaft, benötigt werden Querdenker.

 

Begeisterung: Leben war lange Jahre gleichgesetzt mit Aufopferung. Zuerst für das Himmelreich, dann für den industriellen Fortschritt, als Nächstes für die Familie und zuletzt für den eigenen Ruhm und Status. Doch der verlorene Kontakt zur ureignen Quelle der individuellen Begeisterung und Freude ist essentiell, damit das Gehirn allein auf neurologischer Ebene lernfähig ist. Die Generationen X und Y werden von der älteren Generation verpönt und beneidet zugleich. Ein Leben aus der Freude heraus klingt nach Luxus und gleichzeitig ist es die Basis einer lernfähigen Gesellschaft. Wie können wir den Einzelnen und die Gesellschaft als Ganzes dazu befördern, häufiger in Zuständen der Ekstase und Begeisterung zu verweilen? Bedingungsloses Grundeinkommen? Neues Bildungssystem? Andere Unternehmensstrukturen? Und wer kann als Vorbild dafür dienen?

 

Demut: Beginnend bei dem Verständnis, nichts verstanden zu haben, kann der Ungewissheit und dem Leben als Ganzen mit Demut begegnet werden. Demut will hier verstanden werden als die Fähigkeit, sich einer höheren Sache anzuvertrauen. Leben lässt sich nicht kontrollieren und gleichzeitig hängt alles miteinander zusammen. Erst das holistische und integrale Begreifen von Zusammenhängen ermöglicht es, eine Intuition für das Unvorhersehbare zu entwickeln. Demut als Fähigkeit, das aufgeblähte Ego als Schutz gegen Unwägbarkeiten zur Seite zu stellen und über seine Beziehung zum Zufall zu reflektieren. Das Ungewisse liebevoll in den Arm zu nehmen und aufkeimende Angst nur als Zeichen einer nahenden Veränderung zu begreifen, wäre die höchste Schule des Umgangs mit Komplexität.

 

Die Politik könnte Demut vor dem Bürger gut vertragen, die Ökonomie Demut vor der Natur und Technik und der Mensch Demut vor dem Leben. Und dafür braucht es möglichst viele Querdenker, Wachrüttler und Idealisten. Denn so naiv das auch in schwierigen Zeiten klingen mag, genau in diesen Zeiten wird Querdenken am dringendsten benötigt. Auf Basis dieser Haltungen können wir die von Prof. Peter Kruse geforderte Empathie nutzen, um nicht überrumpelt im Chaos unterzugehen, sondern stattdessen gezielt die turbulenten Zeiten gemeinsam zu einer Neugestaltung nutzen.

 

 

 

Verfasser: Stefan Passvogel

 

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