Alle Technologie strebt dem Charakter der Magie zu: Ein Plädoyer für die Goblinisierung

Von Goblins und Philosophen

 

Clarke´s Zitat enthält bereits in nuce den Grundgedanken dieses Textes: Was, wenn wir unsere Hörigkeit gegenüber den modernen Naturwissenschaften und den von ihnen hervorgebrachten Produkten einmal für einen Augenblick durchbrechen und uns eine völlig neue Perspektive auf die Welt aus einem anderen Paradigma erlauben? Gibt es eine Dialektik, in der zwei Bereiche, die auf den ersten Blick so völlig heterogen sind - die ehernen Gesetzen unterworfene, rationale Welt von Wissenschaft und Technik und die nur den Grenzen der Fantasie des Menschen gehorchende Welt der Magie, die ohnehin eine reine Träumerei zu sein scheint - ineinander umschlagen? Ich meine, es gibt sie.

 

Zunächst einmal bedarf jedoch die Terminologie im Titel einer kurzen Erklärung - nicht viele Menschen werden mit dem Begriff der Goblinisierung etwas anzufangen wissen. Dieser entstammt dem Rollenspielsystem „Shadowrun“, dessen Geschichte sich in einem dystopischen Zukunftsszenario abspielt, in dem plötzlich, auf dem Höhepunkt der technisierten Zivilisation, die Magie in die Welt zurückkehrt und in einem Teil der Weltbevölkerung schlummernde Gene aufweckt, die diese zu Goblins (daher also Goblinisierung), Elfen und Trollen werden lässt. Goblinisierung soll in diesem Sinne für den Rest des Textes synonym sein für die Rückkehr der Magie in die Welt.

 

Wie kommt man nun jedoch auf einen derartig abwegigen Gedanken, ohne ihn sofort auf das Genre der fantastischen Unterhaltungsliteratur zu restringieren?

 

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Stellen wir dazu ein kleines Gedankenexperiment an, das seinen Ausgang von der Frage nimmt, was das perfekte technologische Produkt ist. Die Rede ist tatsächlich von dem perfekten Produkt schlechthin, nicht etwa das perfekte Produkt in einem beschränkten Arbeitsfeld (ob es sich dabei um einen begrifflichen Widerspruch handelt, wird man sehen – der naheliegende Einwand wäre freilich, dass die unüberschaubare Anzahl von Lebensbereichen, in die die Technologie ihren Weg gefunden hat, die Frage nach dem einen perfekten Stück Technologie zu einer Absurdität macht). Sodann, das sei zur Präzisierung ergänzt, geht es bei dem gewünschten Produkt um reine Funktionalität, nicht um eine, wie auch immer geartete, Selbstzwecklichkeit (Zum Vergleich: Die Hauptfunktion eines Automobils besteht darin, seinen Benutzer möglichst schnell und sicher von einem Ort zum anderen zu bringen; es kann jedoch auch so ansprechend entworfen und gestaltet sein, dass dieser ästhetische Reiz für sich genommen zum Kaufgrund wird. Dies geht so weit, dass insbesondere bei Sammlern von Oldtimern der ästhetische Reiz die Funktionalität des Produkts weit übersteigt, es steht zumindest zu vermuten, dass sich kaum jemand einen Jaguar E-Type anschaffen wird, um damit seine Einkäufe zu erledigen). Die intrinsisch wertvolle Erfahrung der Ästhetik wäre in diesem Kontext ein absoluter Wert, der für sich selbst angestrebt wird, Funktionalität dagegen ein relativer Wert, der nur im Vergleich zu einer jeweils schlechteren Ausgangssituation Bedeutung hat (ein Automobil befördert den Benutzer schneller als ein Eselkarren oder die eigenen Füße, würde aber obsolet, sobald eine schnellere, effizientere Transportmethode erfunden wird, also bspw. der Teletransporter aus Star Trek).

 

Beobachtet man die Tendenzen in der Technologiebranche über die letzten 20 Jahre hinweg, lassen sich grob folgende Strömungen feststellen:

 

1. Die Tendenz zur Vereinigung, d. h. das Bemühen, immer mehr Funktionen in einem einzigen Gerät zu vereinen (bspw. die Vereinigung von Schreibprogrammen, Telefon, Kalender etc. im Computer),

 

2. Die Tendenz zur Verkleinerung der Geräte, d. h. die Reduzierung der stofflichen Komponente des jeweiligen Geräts und zuletzt,

 

3., die Tendenz zur größtmöglichen Eliminierung aller nicht-selbstzwecklichen Prozesse. Denkt man all diese Tendenzen konsequent zu Ende, ergibt sich ein Produkt, das a) jede beliebige Funktion zu erfüllen im Stande ist, b) keines physischen Trägers mehr bedarf und c) die gewünschte Funktion ohne Zeitverlust erfüllt.

 

Und damit wären wir wieder bei Arthur C. Clarke: Ein Gerät, das dies könnte - wenn man es denn noch als solches bezeichnen kann, da es ja keinen physischen Träger mehr hätte - wäre von Magie ununterscheidbar. In der Technologie selbst scheint also eine Tendenz angelegt zu sein, die, um eine Formulierung des Aristoteles zu variieren, dem Charakter der Magie zustrebt.

 

 

Der Querdenker-Kongress


Anything goes

 

Let´s do the time warp again und machen von Aristoteles einen Sprung ins zwanzigste Jahrhundert zu den Thesen des Wissenschaftstheoretikers Paul Feyerabend. Feyerabend erkannte - noch wesentlich radikaler und konsequenter als seine Vordenker Lakatos und Kuhn - dass das, was in den Naturwissenschaften als Argumente, gültige Theoreme etc. anerkannt ist, abhängig ist von dem jeweilig herrschenden naturwissenschaftlichen Paradigma. Da Argumente und Theoreme jedoch stets nur innerhalb eines Paradigmas gelten, hat der Wechsel von einem Paradigma in das andere (bspw. die Ablösung des aristotelischen Weltbildes durch das Weltbild der modernen Naturwissenschaften) stets auch eine irrationalistische Komponente. Feyerabend leitete aus dieser Einsicht den Slogan für die Wissenschaft ab: „Anything goes.“ Die einzige Limitation des Menschen, welches wissenschaftliche Paradigma er wählen möchte, ist seine Kreativität, seine Fantasie.

 

Doch was bedeutet Feyerabends Perspektive konkret für unsere Fragestellung der Gegenüberstellung des herrschenden wissenschaftlichen Paradigmas mit einer von Goblinisierung geprägten Welt? Betrachten wir den Fall an einem einfachen Beispiel: In einem magischen Paradigma wäre es einem Fakir möglich, nur durch Einsatz seiner Geisteskräfte seinen Körper in Levitation zu versetzen; doch im herrschenden Paradigma wird dies für unmöglich gehalten, weil es Naturgesetze wie die Gravitationskraft gibt, die verhindern, dass ein Körper, der in Ruhe ist, ohne das Einwirken einer anderen physischen Kraft diesen Ruhezustand verlässt. Doch wie kommt der Begriff des Naturgesetzes zustande? Selbstverständlich durch die Beobachtung von Regularitäten. Da der Mensch aufgrund seiner Natur als Sinneswesen stets nur Einzelfälle beobachten kann, erschließt sich ihm ein Gesetz niemals durch eine sog. Wesensschau; er kann nur wieder und wieder beobachten, dass Dinge nach unten fallen bzw. sich nicht vom Boden in die Luft erheben, wenn keine externe Kraft auf sie wirkt. Doch es gibt schlicht keine zwingende logische Notwendigkeit, dass dies immer so ist (wie etwa im Fall logischer Gesetze, die man durchaus per Wesensschau zu erkennen vermag. Es gibt keine mögliche Welt, in der gelbe Autos existieren, an denen nichts Gelbes ist o. ä., aber es gibt durchaus mögliche Welten, in denen schwebende Yogis existieren). Es ist lediglich die Bequemlichkeit des Theoretikers, die ihn postulieren lässt, es könne zu den von ihm beobachteten Fällen keinerlei Ausnahmen geben.

 

Wenn es aber in der Tat keine zwingende, logische Notwendigkeit gibt, unsere Naturgesetze tatsächlich als Gesetze zu verstehen (es mag sich bei ihnen vielleicht lediglich um Gewohnheiten der Natur handeln), was hält uns dann davon ab, Magie zumindest der Möglichkeit nach, als gültigen Begriff für unsere Welt zuzulassen? Ich kann den naheliegenden Einwand bereits in 99% der Leser nach oben brodeln hören: „Aber warum funktioniert es dann, wenn wir nach wissenschaftlichen Prinzipien Flugzeuge bauen und somit tatsächlich fliegen können und wenn wir uns hinsetzen und zu schweben versuchen, funktioniert es nicht?“ Eine berechtigte Frage. Der für mich interessante Punkt dabei ist jedoch vielmehr die Struktur des Einwandes als der Einwand selbst. Die Struktur des Einwandes ist nämlich nichts anderes, als die Rhetorik sämtlicher Voodoo-Priester und Schamanen seit Beginn der Menschheitsgeschichte: „Mein Gott ist stärker als deiner, also muss er der wahre sein! Unser Gott lässt uns fliegen, er heilt Kranke - wie könnte er nicht der wahre sein?“ Wir haben es mit einem klassischen Non Sequitur zu tun. Aus der Tatsache, dass das wissenschaftliche Paradigma uns in die Lage versetzt hat, großartige technische Geräte zu bauen, folgt nicht, dass es das wahre ist. In der Tat scheint das naturwissenschaftliche Paradigma in irgendeiner Form die Realität so zu repräsentieren, dass die Errungenschaften unserer Technologie sich als tatsächliche Effekte in der Welt manifestieren können. Doch es gibt wiederum keinen zwingenden, logischen Grund, warum sich diese Effekte nicht auch anders erzeugen lassen sollten.

 

 

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Der Kreis schließt sich:

 

Im ersten Abschnitt unserer Überlegung hatte sich gezeigt, dass die Technologie eine inhärente Tendenz hin zum Magischen hat und auf ihrem Gipfelpunkt von diesem ununterscheidbar wäre. Mit Paul Feyerabend haben wir gesehen, dass unser herrschendes wissenschaftliches Paradigma alles andere als „alternativlos“ ist. Sind diese Gedankengänge zutreffend, ergibt sich m. E. folgendes Bild der Dinge: So wie es einst nötig gewesen sein mag, dass der Mensch vermittels von Rationalität und Wissenschaft die Natur entmystifiziert und sich dienstbar gemacht hat, um eine autonome Stellung in der Welt zu gewinnen, mag es heute an der Zeit sein, diesen Prozess ein Stück weit umzukehren: Der Preis für diesen Befreiungsschlag war hoch. Wir sind der Natur, die uns hervorgebracht hat, entfremdet, sägen buchstäblich an dem Ast, auf dem wir sitzen, morden uns gedankenlos durch Dutzende, wenn nicht hunderte von Tierarten und sind vielfach jeglichen Gefühls von Sinnhaftigkeit unseres Daseins in der Welt verlustig gegangen.

 

Wenn das aktuelle Weltbild also nicht mehr in der Lage ist, trotz all der Vorzüge, die es uns unleugbar bietet, die Kluft, die sich zwischen uns und der Natur aufgetan hat, zu schließen, mag es an der Zeit für einen Paradigmenwechsel im Sinne Feyerabends sein. Kann es uns gelingen, die Natur nicht mehr unter dem sezierenden Blick des Wissenschaftlers unter dem Mikroskop zu beobachten? Was würde es für unser Forschen bedeuten, wenn wir ein Ende machen mit dem Wunsch, die Natur mit unserer Technologie zu unterwerfen und ihr die Erkenntnisse, um die es uns zu tun ist, abzuzwingen? Wer weiß, was für Erkenntnisse sich einstellen mögen, wenn der Mensch die Natur einmal mehr als Lehrerin, der er sich mit Ehrfurcht und Staunen nähert, betrachtet. Wenn ich auch befürchte, dass die eigentliche Goblinisierung noch eine Weile auf sich warten lassen wird, mag ein Quäntchen Magie unser Denken und Fragen auf eine Weise beflügeln, die wir uns momentan nur in Ansätzen vorstellen können.

 

Es scheint nur passend, wenn in einem Text, der auf solch verrückte Perspektiven hinaus will, nicht die Philosophie das letzte Wort hat, sondern die Poesie; insofern sei mit Novalis zusammengefasst:

 

„Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlüssel aller Kreaturen

Wenn die so singen, oder küssen,

Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freye Leben

Und in die Welt wird zurück begeben,

Wenn dann sich wieder Licht und Schatten

Zu ächter Klarheit wieder gatten,

Und man in Mährchen und Gedichten

Erkennt die wahren Weltgeschichten,

Dann fliegt vor Einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort.“

 

 

 

Verfasser: Maximilian Knauer

 

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