Homo non sapiens – als wir aufhörten zu diskutieren...

Von vielen Seiten wird seit Jahren der Verfall der guten Sitten und des Anstands durch das Internet beklagt. Insbesondere die sozialen Medien produzieren scheinbar eine Gesellschaft voller Hass, Wut und Intoleranz. Und wissen Sie was? Recht haben sie, die Empörten! Der Homo non sapiens quergedacht.

 

Die gute alte Zeit... ist auch nur eine Illusion

 

Natürlich war es in der guten alten Zeit keineswegs besser. Es wäre Illusion zu glauben, dass früher (wann auch immer das gewesen sein sollte, anno Domini vor dem Internet?) die Gesellschaft anständiger, moralischer oder besser erzogen war. Eine Beobachtung hat sich in den letzten Jahren allerdings stetig gehäuft, nämlich der Verfall der Diskussionskultur. Ob in Talkshows, bei Interviews, in schriftlichen Diskussionen im Web oder selbst bei harmlosen Diskussionen im Freundeskreis: der Drang nach kurzen Sätzen wächst proportional zum Grad der Zuspitzung von Thesen oder zum Hang zur Komplexitätsreduktion. Es regieren das Schwarz-Weiß-Denken, die Freund-Feind-Kategorisierung, die möglichst schnelle Stereotypisierung und die einfache Antwort. Ein Höhepunkt dieser Entwicklung war vor einer Woche das Sommerinterview in der ARD mit Christian Lindner, geführt von der Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel.

 

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Debatten ohne Debatte

 

Unabhängig davon, wie man zu Christian Lindner steht, ist dieses Interview ein Lehrstück für zukünftige Journalisten – aber leider im negativen Sinn. In Kombination mit den danach folgenden Zuschauerfragen offenbart sich das, was in unserer Zeit zu bedauern ist: die Debatten sind keine Debatten mehr! Denn dies würde voraussetzen, dass man eine Kommunikationskultur mit Respekt für die Aussagen des Gegenübers pflegt. So hatte Herr Lindner bspw. keine Chance, eine ausführliche Antwort zu geben, da ihm die Interviewerin in nahezu jedem Satz unterbrochen und das Gesagte übergangen hat. Da die Fragestellungen zudem sehr überspitzt und auf einfache Antworten abzielten, bekam das Interview keinerlei Aussagekraft.

 

Ebenso stellt sich die Frage nach moralischen Aspekten der Diskussionskultur im Sinne einer Berufs- und Medienethik, bspw. ob Fragen nach dem Privatleben eines politischen Interviewgastes vertretbar sind oder nicht. Beim Hinweis von Herrn Lindner, dass manche Fragen oder Vergleiche zu seinem Privatleben nichts in einer politischen Diskussion zu suchen haben, wurde die Verantwortung von Frau Hassel an die Zuschauer abgeschoben. Auch wurden alle Hinweise von Herrn Lindner zur Interviewführung von Frau Hassel ignoriert, anstatt sich selbst kurz zu reflektieren.

 

Leider ist diese Interviewführung von Frau Hassel nur eines von vielen Beispielen für einen Diskurs, der in den letzten Jahren aus den Untiefen der anonymen Diskussionen im Internet an die Oberfläche des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks und in die Mitte der Gesellschaft emporgestiegen ist. Auch Markus Lanz, Claus Kleber, Anne Will oder Maybrit Illner führen in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Interviews, die in ihrer Härte und Brutalität eher an ein Kreuzverhör oder an einen Pranger erinnern.

 

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Möglichst schnell zurück ins Entweder-Oder-Zeitalter

 

Lassen wir zur genauen Analyse zunächst die (berufs-)ethische Komponente beiseite und fokussieren uns auf die zweifelhaften Kommunikationstechniken, die sich immer häufiger in Diskussionen und Interviews heute zeigen:

 

1. Wiederholtes Unterbrechen des Interviewten, so dass keine Fragen wirklich beantwortet werden können.
 

2. Das Gesagte des Interviewten nicht aufnehmen, sondern ignorieren und (ggf. bewusst) missinterpretieren.
 

3. Anstatt dem Interviewten zuzuhören, lediglich einen Fragenkatalog abarbeiten, ohne Rücksicht auf etwaige (auch kritische) Nachfragen.
 

4. Fragen so stellen, dass Sachverhalte massiv verkürzt werden und dadurch ihre Komplexität nicht erfasst wird. Auf diese Weise einfache Antworten provozieren, die allerdings keinerlei Aussagekraft haben können.
 

5. Anstatt einem Interview eine angemessene Dauer zu geben, werden Fragen möglichst schnell abgearbeitet und die Redezeit auf ein Minimum beschränkt. Gerade bei politischen Themen führt diese Zeitknappheit zu dem Problem, dass lange und tiefgreifende Erklärungen keinen Platz finden. 

 

Diese Techniken manifestieren sich leider in vielen Bereichen der Gesellschaft, ob in der Politik, in der Wissenschaft oder bei friedlichen Partygesprächen, immer stärker. Dadurch entsteht leicht die Gefahr, dass ein Dialog schnell zu einem kontroversen Freund-Fein-Schlagabtausch werden kann und ein sachlicher Austausch von Positionen oder Argumenten beinahe unmöglich wird.

 

Gerade die Verkürzung von Zusammenhängen, das Hinein-Interpretieren von angeblichen Einstellungen in Aussagen oder die Zu- bzw. Überspitzung von Thesen führen zu einer Positionierung des Interviewten bzw. Gegenübers, das diesem kaum mehr eine Chance lässt, sich argumentativ zu rechtfertigen. Auch wird die Lösung von Problemen durch das Aufbauen von einfachen Fronten und Entweder-Oder-Haltungen unmöglich gemacht und es kann der Eindruck entstehen, dass es nicht mehr um die Sache, sondern um persönliche Anklage geht. Auch hier kann Christian Lindner als Gast bei Markus Lanz als wahrlich trauriges Beispiel angeführt werden.

 

 

Wenn selbst ein Profi wie der FDP-Vorsitzende nahezu Tränen in den Augen hat, weil er von verschiedenen Seiten angegriffen wird, muss die Frage nach ethischen Komponenten in Diskussionen gestellt werden.

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Normativität statt Komplexität

 

Wären diese kommunikations-technischen Fehler nicht bereits schwerwiegend genug, um eine Diskussion zu verhindern, ist die normative Bewertung von Aussagen ein weiterer Aspekt, der das Vertrauen in den homo sapiens heute nicht unbedingt stärkt. Denn wie in der Diskussion bei Markus Lanz deutlich wird, werden sachliche Aussagen schnell emotionalisiert, aus ihrem Fachkontext gerissen und einer normativen Belehrung oder Forderung gegenübergestellt. Dadurch entsteht schnell eine moralische Überhöhung, die sich nicht weiter um sachliche Argumente bemühen muss, sondern im Tonfall der vermeintlich ethisch richtigen Positionen nur noch ver-und beurteilt.

 

Die Folge ist, dass nicht mehr mit, sondern gegeneinander geredet wird und Faktoren wie Betroffenheit, Emotionen oder moralische Positionen die Sachlichkeit oder Vernunft in den Hintergrund drängen. Zugunsten einer Wohlfühl-Antwort wird die Komplexität der Welt häufig nicht mehr thematisiert, wodurch schnelle, einfache Antworten oder positive Moralphrasen den Diskurs dominieren.

 

Wer bestimmt den Diskurs?

 

Sollten Journalisten und Medienschaffende eigentlich ein Vorbild für einen seriösen und sachlichen Diskussionsstil sein, stellt man leider das Gegenteil fest. Selbst in einfachen Beiträgen der Tagesschau oder im heute-journal werden Sachverhalte emotionalisiert, normativ bewertet, sensationslüstern illustriert oder überspitzt. Ebenso werden Hintergründe häufig nicht mehr erklärt oder Zusammenhänge hergestellt, ohne diese zu begründen.

 

Das Fatale ist allerdings, dass sich nicht nur die Medienschaffenden und Journalisten ihrer Macht über den Diskurs und ihrer Vorbildfunktion für die Gesellschaft nicht bewusst sind. Jeder Einzelne trägt täglich in seinen Kommentaren, Aussagen und seinem Verhalten in der (medialen) Öffentlichkeit zu dieser Entwicklung bei. Denn in den Sozialen Medien ist jeder ein Vorbild, nicht nur die professionellen Schreiber.

 

Der vermeintliche Verfall der Diskussionskultur ist sicher auch der Schnelligkeit des Internets, der Klickraten oder der verkürzten Textlängen in sozialen Medien geschuldet. Denn in erster Linie sitzen hinter den Texten und Interviews noch immer echte, bewusst handelnde Menschen, die wissen sollten, wie man miteinander diskutiert, zuhört, sich ausreden lässt und ganz im Habermas'schen Sinne um das beste Argument ringt.

 

Wer diese grundlegenden Weisheiten der Diskussionskultur bewusst missachtet und stattdessen andere Meinungen stigmatisiert oder simplifiziert, gefährdet die Demokratie in ihren Grundfesten und disqualifiziert sich nahezu als homo sapiens. Weise ist so ein Verhalten sicher nicht, quergedacht schon gar nicht.

 

Inwiefern der Autor sich mit diesem Anklagetext nun als homo sapiens disqualifiziert hat, bleibt der Bewertung des Lesers überlassen. Denn Querdenken heißt auch: Kritisch mit sich und seinen eigene Aussagen umgehen.

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Silke Borgmann (Donnerstag, 01 August 2019 14:52)

    Vielen Dank für den differenzierten Beitrag, den ich unterstützen kann.

    Ich habe die ZDF-Sommerinterviews gesehen und mich gefragt, was mit den Journalisten los war. Ich hatte die gleichen Wahrnehmungen: Eine wenig wertschätzende Gesprächsatmosphäre, Unterbrechungen, Verkürzungen, fast schon Unterstellungen.

    Mein Wunsch an unsere öffentliche Gesprächskultur: Gerne eine kritische, aber grundsätzlich freundliche und einladende Grundhaltung der Moderatoren, Fragen beantworten lassen, offener, respektvoller Umgang mit dem Gegenüber, ein bisschen mehr Humor bitte, dann können auch kritische Fragen leichter gestellt werden.

    Und grundsätzlich wäre die Haltung schön, dass wir ein Gespräch (auf Augenhöhe) führen, kein Kreuzverhör. Die Welt und unsere Problemstellungen sind sehr komplex. Wir sitzen alle in einem Boot. Keiner kennt die absoluten Lösungen. Aber wir können gemeinsam versuchen es besser zu machen. Das beginnt oft bei unserer Kommunikationskultur - Kommunikation kann verbinden oder entzweien.

  • #2

    Michael Moesslang (Freitag, 02 August 2019 14:50)

    Mir geht es schon seit geraumer Zeit so. Ich wundere mich insbesondere bei den öffentlich-rechtlichen besonders. Denn der private Journalismus will verkaufen, der ö-r hat eine Bildungsauftrag und bekommt dafür Gebühren. Auch bei politischen Entscheidungen werden nur noch die reißerischsten Statements (dann gerne Linke, Grüne und in letzter Zeit nicht mehr ganz so häufig AfD) gesendet, die Mitte-Parteien bzw. seriöse Politiker mit guten aber wenig reißerischen Statements werden kaum noch gesendet.

    Das gilt für Tagesschau/Heute ebenso wie für die Talkshows. Ja, das schafft Quote, bestimmt aber auch die Politik mit (und das ist nun wirklich nicht Aufgabe der Presse, die berichten aber nicht gestalten soll). Nach den Wahlsiegen der AfD wurde darüber diskutiert, in wie weit die hohe Frequenz eine Rolle beim Wahlerfolg gespielt hat.

    Das Problem würde ein Politiker und erst Recht die Regierung (die letztlich Auftraggeber ist) das thematisieren würde gleich die Zensur-Keule geschwungen. Hier sind wir als Konsumenten gefragt. Doch wie?