Selbstfindung als Egoismus: Willkommen im Zeitalter der Ichlinge

Es geht uns wirklich schlecht. Wie sonst kann man sich den Boom der Selbstfindungsbranche erklären? Work-Life-Balance hier, Agilität da und neuerdings die Achtsamkeit – die Suche nach dem Ich bestimmt längst unseren Alltag. Und da Trends immer verdächtig sind, denken wir dieses Zeitalter der Ich-Suche heute quer und fragen: Ist Selbstfindung nicht hochgradig egoistisch?

 

Der eigene Gott philosophisch reloaded

 

In unserem Blog an Ostern hatten wir den Menschen schon als "eigenen Gott" beschrieben, da man sich seinen Glauben heute oft selbst zusammenbastelt und sich selbst gerne als den Nabel der Welt definiert. Diese spirituelle Dimension muss aber noch um den psychologisch-philosophischen Aspekt der Selbstfindung ergänzt werden, denn diese steht eigentlich im Mittelpunkt des Lebens vieler Menschen und ist zugleich auch das Ziel der spirituellen Inszenierungen. Es ist ein Merkmal unserer Zeit, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach der inneren Balance oder nach dem Seelenfrieden eine der wichtigsten geworden ist. Denn der Stress der modernen Welt, die Kommunikation via Social Media, der Druck in der Arbeitswelt oder die Angst vor der Zukunft zwingen uns geradezu zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. War vor 10 Jahren die Frage "Wer bin ich und wenn ja wie viele" (Richard David Precht) aktuell, ist es heute die "Warum bin ich und wenn ja, wie glücklich?".

 

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Das Ego-Zeitalter

 

Für den Einzelnen ist die Suche nach dem Ich und der eigenen Balance natürlich hochgradig erstrebenswert, denn eine Meditation, ein Urlaub, ein gutes Gespräch über sich und seine Ängste oder auch eine geregelte Work-Life-Balance helfen, neue Bewusstseinsebenen zu erreichen oder mit sich in Harmonie zu kommen – was immer diese Formeln auch bedeuten mögen. In Unternehmen werden dazu eigene Coachings zur Achtsamkeit gegeben oder es wird gemeinsam meditiert. Der Trainer- und Büchermarkt floriert mit Ratgebern zu innerem Frieden und Glück wie auch die Tourismus- und Eventbranche mit immer absurderen Angeboten, Stichwort Digital-Detox-Wellness.

 

Das Problem: Durch die intensive Thematisierung in den Medien und im Alltag, wie wichtig das Sich-Finden ist, wird ein Egoismus generiert, der die eigene geistige Ausgeglichenheit als Ziel formuliert. Um dieses zu erreichen, werden Methoden beschrieben, die sich entweder auf das rein Geistige beschränken (Meditationen, Gespräche) oder Tätigkeiten wie Wandern, Pilgern oder Auszeiten nehmen vorschlagen. Das Ich steht im Mittelpunkt und soll möglichst in einer heilen Welt-Blase ohne stressige Tätigkeiten wie Arbeit oder Konfrontation mit dem Elend der Welt belästigt werden. Denn innere Harmonie kann scheinbar nur entstehen, wenn eine äußere Harmonie vorhanden ist oder das Außen gleich ganz ausgeblendet wird.

 

Der Querdenker-Kongress


Das Glück liegt irgendwo da draußen

 

Diese Ego-Zentriertheit bei der Ich-Suche hat allerdings einen großen problematischen Aspekt: Man vergisst schnell die Umwelt, das Soziale und die Mitmenschen und übergeht die Frage, ob für das innere Glück nicht auch soziale Tätigkeiten sinnvoll(er) wären. Jeder, der ein Ehrenamt bekleidet, anderen hilft oder sich für eine wichtige Sache engagiert weiß: Der Dank von anderen Menschen für eine gute Tat, ein Lachen von Kranken, denen man geholfen hat, das Strahlen in den Augen eines Kindes –kurz das Wissen, für Andere etwas geleistet zu haben, und die Emotion, die man dabei spürt, können für das Ich und das eigene Lebensglück wesentlich hilfreicher sein als jede Meditation.

 

Doch nicht nur der Altruismus, sondern auch die reine Beschäftigung mit dem Leben, der Welt und den Inhalten kann schon genügen, um weniger mit seiner Ich-Jagd beschäftigt zu sein. Gerade in Unternehmen stellt sich die Frage, ob ein Arbeitsplatz zugleich auch ein Ort der Selbstfindung sein muss oder doch "nur" ein "Arbeitsplatz" sein darf.

 

Sein Ich zu finden, in die eigene Balance zu kommen oder den Sinn für das eigene Leben zu entdecken, darf gerne ein egoistisches Motiv haben. Man sollte aber nicht vergessen: Das Erreichen dieses Zustands geht vielleicht sogar einfacher, wenn man es nicht als konkretes Ziel definiert, das man nur durch Nachdenken oder Meditation erlangen will. Vielmehr ist es die soziale Tat im Außen, mit der man seinen inneren Frieden schließen kann, nach dem Motto: Wenn es den anderen gut geht, geht es mir auch gut.

 

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Erste-Welt-Probleme

 

Ja, wir in der wohlbehüteten westlichen Welt können als Individuen nix dafür, dass wir das Problem der Ich-Verlorenheit haben. Es ist ja geradezu ein Erfolg der Moderne, dass wir in den Industrienationen andere Krisen als Hunger, Krieg oder kaputte Regierungen haben. Denn Probleme wie "Oh Gott, ich habe jeden Tag 150 What's App-Nachrichten" oder "Der böse Chef gibt uns bei 36 Grad im Büro kein Hitzefrei, das ist Mobbing" sind zwar nervig, aber nicht existentiell gefährdend. So platt diese Vergleiche zwischen unserer Überfluss-Gesellschaft und der Dritten Welt sind, so notwendig ist der Blick auf diese auch, um sich seines eigenen Glücks bewusst zu werden. Um es klar zu sagen: Die intensive Beschäftigung mit dem Ich ist ein absolutes Luxusproblem und wir sollten täglich Gott, dem Universum oder sogar der Bundeskanzlerin DANKEN, dass wir uns auf diesem Niveau mit unserem Selbst beschäftigen dürfen! Denn im Gegensatz zu Millionen von Menschen auf der Welt müssen wir in der Früh nicht überlegen, wie wir den Tag ÜBERLEBEN, sondern wie wir noch erfüllter, sinnvoller oder glücklicher werden.

 

Ich helfe, also bin ich

 

Unser Auftrag an Sie: Machen Sie eine Pause beim Querdenken und helfen Sie anderen! Daher gibt es bei unserem Kongress im November auch den SocialSpace für gemeinnützige und ehrenamtliche Organisationen, kostenlos natürlich! Das macht glücklich und ist schon fast wieder quergedacht in einer Welt, die sehr schnell den Egoismus vor das Sozialwohl stellt.

 

Bewusstsein benötigt ein bewusstes Sein – genauso wie Querdenken ein queres Denken!

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Meditation strikes back (Donnerstag, 04 Juli 2019 17:31)

    In a word: no!
    Anders formuliert: Auch wenn bei der Betrachtung des heutigen Ratgeber-Marktes und der Verlautbarungen sämtlicher in den Medien präsenter Achtsamkeits-Fuzzis der Eindruck entstehen könnte, Meditation sei lediglich eine sehr elaborierte Methode, dem Ego mit der Hilfe von Meditationskissen, Qi Gong Kugeln und Räucherstäbchen zu huldigen und es vielleicht noch durch die damit einhergehende Befreiung von Stress etc. ein wenig länger vor dem Burnout zu bewahren, entspringt dies doch einem fundamentalen Irrtum bezügliches des Wesens von Meditation (bzw. Kontemplation - Meditation ist dem Wortursprung nach das Nachsinnen über einen bestimmten geistigen Gehalt, anders als die auf ungegenständliche Kontemplation zielenden Methoden etwa der buddhistischen Schulen).
    Denn, um bei dem Wort Burn-Out zu bleiben: Kontemplation hat es auf nichts weniger als genau DAS abgesehen: Es geht nicht darum, das kleine Selbst möglichst gut vor den Bedrohungen und Unannehmlichkeiten der bösen Welt da draußen zu beschützen, sondern um das Ausbrennen bzw. Verlöschen lassen des "kleinen Selbst" und die Befreiung von dessen kleinlichen Wünschen und Verhaftungen. Richtig verstanden gibt es keinen un-egoistischeren Weg als den der Kontemplation, konfrontiert er doch den Menschen, der sich ihm verschreibt, mit der äußerst unheimlichen und teilweise erschreckenden Perspektive der Auslöschung dessen, was er als sein Selbst wahrnimmt. So verlangt zum Beispiel der Weg des Zen sprichwörtlich drei Dinge vom Schüler: Den großen Glauben (dass es möglich ist, die Erleuchtung zu erreichen), den großen Zweifel und den großen Mut. Der große Zweifel ist ein Geisteszustand der "dunklen Nacht der Seele", in dem dem Schüler von seiner Kontemplationspraxis buchstäblich alles genommen wird: Alle Gewissheiten, die er über sich zu haben meint werden radikal in Frage gestellt, bis hin zur Ver-Zweiflung, die dann den mutigen Absprung in die Leere und daraufhin die große Erleuchtungserfahrung ermöglicht. Wer diese Stadien der Kontemplation am eigenen Leib erfahren hat, der erkennt sämtliche Wohlfühl-Rhetorik, wie sie momentan im Schwange ist, als leer: "Wenn Sie meditieren, um angenehme Erfahrungen zu machen", so sagte mir einer meiner ersten Kontemplationslehrer, "dann hören Sie mit dem Meditieren auch bald wieder auf." Wie wahr. Das Ego mag vielleicht gerade noch in der Lage sein, mit dem Weg der Kontemplation zu liebäugeln, doch wo dieser steinig wird, muss es entweder ihn oder sich selbst aufgeben.
    Sodann erscheint mir der weiter unten im Text provokant formulierte Gegensatz zwischen egoistischer Nabelschau und aktivem Engagement in der Welt irgendwie als Rehash der alten Frage um den Vorrang der vita activa bzw. der vita contemplativa. Ich meine aber, dass sich leicht zeigen lässt, dass dieser Gegensatz in Wahrheit keiner ist: Schon in der Buddha-Legende selbst ist die Entscheidung des Buddha, nach seiner Erleuchtung seine Einsicht auch zu lehren, ein Akt tiefsten Mitgefühls mit einer im Leiden verstrickten Welt. Und in der Tat ist das Streben nach Erleuchtung undenkbar ohne eine gleichzeitige Kultivierung von Mitgefühl (tatsächlich gibt es ganze buddhistische Schulen in denen das Kultivieren von Mitgefühl der zentrale Punkt ihrer kontemplativen Praxis ist). Aber tatsächlich ist der Einheitspunkt der beiden Sphären, so meine ich, sogar noch tiefer verortet, als man auf den ersten Blick meint: Es ist erwiesen, dass eine regelmäßige Meditationspraxis die Schwelle zwischen Reiz und Reaktion beim Übenden vergrößert, d. h. reaktiv-aggressives Verhalten wird zusehends weniger, je mehr sich die Meditationspraxis eines Menschen vertieft. Jeder Meditierende trägt also schon ganz automatisch durch seine Praxis zu einer friedlicheren Welt bei. Das funktioniert auch in sozialen Gruppen, die sich als ganze einer kontemplativen Praxis verschreiben; man muss nicht erst zur Friedensarbeit von Leuten wie Thich Nhat Hanh gehen, um diesen Punkt deutlich zu machen. Schon das Beispiel dieser Schule in San Francisco macht klar, worum es geht: https://www.theguardian.com/teacher-network/2015/nov/24/san-franciscos-toughest-schools-transformed-meditation
    Ein Punkt, in dem ich dem Autor völlig zustimme, ist freilich der, dass das Kultivieren von Dankbarkeit angesichts der bloßen Möglichkeit, sich Fragen wie die hier diskutierten stellen und sie ggf. mit einer kontemplativen Praxis für sich "lösen" zu können, das einzig Angemessene ist. Meditation ist und bleibt - so schwierig sie in ihren einzelnen Stadien sein mag - ein Luxus, den sich nur derjenige "leisten" kann, der nicht in einen täglichen, ihm von äußeren Umständen aufgezwungenen Existenzkampf verstrickt ist.

  • #2

    Sandra Thaler (Freitag, 05 Juli 2019 09:51)

    Interessanter Beitrag!
    Nützlich ist es, die Empathie zu trainieren - für sich selbst und andere,
    dadurch entsteht Konsens und Gleichgewicht :)

  • #3

    Carina Maurer (Donnerstag, 11 Juli 2019 21:42)

    Ich kann mich Sandra Thaler hier nur anschließen!
    Vielen Dank für den Beitrag!