Philosophie als Spiegel ethischen Versagens

Philosophie als Spiegel ethischen Versagens!

 

In der Soziologie stellt man zur Erklärung von gesellschaftlichen Prozessen gerne zwei Fragen:

  1. Worauf gibt das Phänomen XY eine Antwort?
  2. Inwiefern ist Phänomen XY ein Spiegel dieser Prozesse? 

Wir wollen diese Woche dem Phänomen der philosophischen Beratungen nachgehen. Denn es genügt nicht, nur die ethischen Probleme unserer Zeit zu diagnostizieren, sondern auch passende Antworten zu finden. Vielleicht sind die sogenannten Philosophischen Praxen eine Antwort – und wenn nicht, dann zumindest ein Spiegel dessen, wo wir ethisch versagt haben.

 

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Philosophie in der Praxis – eine Bestandsaufnahme

 

Mit Gründung der ersten Philosophischen Praxis durch Gerd B. Achenbach 1981 eröffnete sich ein neues Arbeitsfeld für Philosophen außerhalb der Universität. Da sich diese Beratung durch eine gewisse Eigentümlichkeit auszeichnet, steht sie noch immer im Schatten der psycho-sozialen oder seelsorgerischen Beratungen.

 

Spricht man bei Freunden die Existenz der PP an, erntet man meist nur ein Staunen: Was ist das denn? Was machen die denn? Doch nicht echte Philosophie? Dieses Staunen und eine im Tonfall unterschwellige Skepsis ziehen sich quer durch alle sozialen Schichten. Eine weitere Verwunderung stellt sich ein, wenn man erwähnt, dass es weltweit aktuell ca. 230 derartige Praxen gibt, fast alle in Deutschland oder Österreich. Ebenso steigt die Verwunderung an, wenn man verneint, dass in den Praxen keine Psychotherapie, sondern nur und ausschließlich philosophiert, aber nicht therapiert wird. Aber was machen die denn dann wirklich? Gehört das zur Esoterik oder eher zur Psychologie?

 

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Philosophisches Beraten in der Praxis

 

Nein, die Philosophischen Praxen gehören natürlich zur Philosophie. So einfach, so logisch. Betrachtet man die Definition des Gründers Achenbach wird diese Abgrenzung deutlich: „Philosophische Praxen sind eine Einrichtung für Menschen, die Sorgen oder Probleme quälen, mit ihrem Leben nicht (mehr) zurechtkommen, die von Fragen bedrängt werden, die sie weder lösen noch loswerden; die sich in der Prosa ihres Alltagslebens zwar bewähren, in vorerst unbestimmter Weise aber unterfordert fühlen – weil sie etwa ahnen, daß ihre Lebenswirklichkeit ihren Möglichkeiten nicht entspricht. […] Ihr Anspruch ist nicht selten, einmal über die besonderen Umstände, die oftmals sonderbaren Verstrickungen und den seltsam uneindeutigen Verlauf ihres Lebens nachzudenken. Kurz: Sie suchen die Praxis des Philosophen auf, weil sie verstehen und verstanden werden wollen. (Achenbach, o. J., Hervorh. i. O., zitiert nach http://www.g-pp.de/de/philosophischepraxis_text_was_ist.asp)

 

Diese Aussage macht klar, dass in der PP das Gespräch über Lebenskrisen jeglicher Art, über Stress, Scheidung, Krankheit, Mobbing oder Digital Tox im Mittelpunkt stehen. Es sind Sinnkrisen, Fragen über die Herausforderungen des Lebens, Denkblockaden, die diskutiert werden. Der Vergleich mit Therapien, in denen Krankheiten oder Störungen psychologischer oder medizinischer Art geheilt werden sollen, verbietet sich daher schlicht aufgrund des Gegenstandes der Seelenleiden.

 

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Philosophische Praxis als Spiegel unserer ethischen Probleme

 

Neben der Analyse, wie dieses Philosophieren wirklich wirkt oder was der philosophische Gehalt des Dialogs ist, erscheint es reizvoll zu überlegen, inwiefern die Probleme der Klienten dort als Spiegel unserer Gesellschaft interpretiert werden können oder konkret gefragt:

 

Sind Probleme wie Internetsucht, Burn-Out oder Depressionen auch Ausdruck einer verfehlten oder nicht existierenden Fortschrittsethik?

 

Es gehört zum Charakter der heutigen Moderne, dass die gefühlte Beschleunigung der Zeit, die ständige Beschäftigung mit dem Smartphone, die Fülle an Kommunikationen, der Überfluss unserer Konsumgesellschaft oder die rapide Vermehrung von Wissen schnell zu einer Überforderung und Unsicherheit des Einzelnen führen. Der schnelle Wandel von sozialen Umwelten, Organisationen und Institutionen sowie die technischen Revolutionen erzeugen zusätzlich einen Druck auf das Individuum, sich den wandelnden Herausforderungen stetig neu anzupassen. Die Vorstellungen des Hinterherlaufens oder des Überfordert-Seins, wie sie in der Philosophischen Praxis häufig genannt werden, führen so auch zu der Frage, wo die Gesellschaft als ethische oder moralische Kontrollinstanz der Veränderungen versagt hat.

 

Natürlich sollen Innovationen und Fortschritt nicht gebremst werden. Angesichts der steigenden Anzahl von seelischen Problemen durch die Technik oder durch das Durchdringen der Digitalisierung aller Lebensbereiche muss diskutiert werden: Müssen wir nicht sorgfältiger die Folgen der Innovationen und Techniken für den Einzelnen in den Fokus nehmen? Haben wir bislang nicht zu euphorisch oder naiv die digitalen Errungenschaften gefeiert und die Schattenseiten als Nebenfolge abgetan? Muss das Forschungsfeld Technikethik nicht wesentlich prominenter und intensiver gefördert werden? Muss nicht unser gesamter Lebensstil aus verschiedenen ethischen Perspektiven kritisch hinterfragt werden in dem Sinne: Was tut uns wirklich gut?

 

Klar ist: Querdenken ist ein guter Schritt, seine Ethik, seinen Lebensstil und seinen Umgang mit Technik zu hinterfragen.

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer

 

Der Text stammt zu Teilen aus dem Buch Doing Philosophy? Eine soziologische Analyse philosophischer Beratungspraxis

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Thomas Braun (Donnerstag, 27 Juni 2019 14:34)

    Nun - das Besprechen von Lebenskrisen, Handlungskrisen, von Chancen und Bedrohungen ist sehr wohl ein Bestandteil der Philosophie - nämlich bezogen auf das Erkennen und Besprechen des Ganzen. Philo (Liebe) Sophie (Wissen) - die Liebe zum Wissen ist ein meist fehlender Bestandteil der heutigen Welt. Ein Grund ist die Schnelllebigkeit - nichts wird mehr richtig fertig. Bei uns in der SokratesGroup.com wird zwischen klassischem Philosophieren (Suche nach Erkenntnis) und Gestaltung des stattfindenden Lebens nicht unterschieden. Wäre interessant zu wissen, wofür eine Trennung besser wäre?

  • #2

    Marcus Schmauss (Donnerstag, 27 Juni 2019 15:06)

    Danke für den sehr interessanten Beitrag-da er allerdings sowohl auf das Thema "Philosophische Praxis" als auch "Technikethik" eingeht, möchte ich dazu separat Stellung nehmen

    1) Philosophie in der Praxis: ich finde es großartig, dass die Philosophie (zumindest als Randdisziplin) Einzug in die deutschen und österreichischen Praxen genommen hat. Ich denke auch, dass sie konstruktiv dazu beitragen kann "besser zu verstehen", besser zu erkennen, dass "man mit seinen Gedanken nicht alleine ist", dass große Denker der Vergangenheit sehr viele philosophische Fragen" bereits umfassend thematisiert haben und "dass viele "ewige Fragen" einfach Bestandteil der Conditio Humana" sind. Ich bin allerdings nicht sicher, ob die Philosophische Praxis geeignet ist PRAKTISCHE Antworten zu liefern, die auch das UNTERBEWUSSTSEIN nachhaltig berühren. Praktische Philosophie ist - egal ob sie Ethik, Recht, Politik, Geschichte, Technik oder Gesellschaft betrifft - doch sehr dem Intellekt verpflichtet. Und dieser ist wiederum dem Bewusstsein und nicht dem Unbewussten zugeordnet. In diesem Sinne glaube ich, dass unbewusste Verhaltensmuster anders bearbeitet werden müssen.

    2) Technikethik: ja, ich stimme Ihnen völlig zu. Das Forschungsfeld "Technikethik" müsste viel stärker thematisiert werden - ich halte es vielleicht sogar für das wichtigste Gebiet überhaupt. Fragestellungen wie "Ist das menschliche Gehirn fähig den exponentiell wachsenden technischen Fortschritt " grenzenlos anzunehmen, "was bedeutet es Mensch zu sein, wenn AI nicht nur repetitive Tätigkeiten, sondern auch kreative Tätigkeiten übernehmen kann" oder "Was ist das Ziel technischen Fortschritts, wenn er dem Menschen nicht mehr dient, sondern ihn zur Arbeitsmaschine degradiert",...." sind sicherlich enorm wichtige und höchst aktuelle Fragestellungen.

    Der Philosoph Günther Anders hat sich bereits 1956 mit seinem Buch "Die Antiquiertheit des Menschen" mit diesen Fragestellungen auseinandergesetzt und nannte das in der Zukunft immer größer werdende Gefälle zwischen Mensch/Maschine "Prometheische Scham/Gefälle". An manchen Stellen mag das Buch heute vielleicht überholt sein, die grundlegende Fragestellung ist aber noch immer brandaktuell.

  • #3

    Günter Peham (Samstag, 29 Juni 2019 11:44)

    Wer die Rechnung ohne den Wirt macht, darf sich nicht wundern, wenn das zu Problemen führt.
    Unser "Wirt" hier auf Erden ist der Schöpfer, oder Gott. Wie immer wir es nennen wollen. Wenn wir die Herausforderungen hier auf dieser Erde lösen wollen, sind wir gut beraten bei dem nachzufragen, der sie gemacht hat. :-)

    Bei der Begleitung eines Psychologen sagt mir dieser: "In der Psychologie und Philosophie lernen wir uns besser in der Finsternis zurecht zu finden. Du hast mir gezeigt wie man das Licht aufdreht!"

    Die Antwort auf folgende Frage: "Warum um Gottes Willen bin ich hier auf dieser Erde?" löst gigantisch viele Probleme!

    liebe Grüße
    Günter

    www.wertevollleben.com

  • #4

    Philipp Gratzl (Samstag, 29 Juni 2019 19:18)

    Der bekannte indische Arzt und Philosoph Deepak Chopra sagte einmal: "Alle Probleme haben eine einzige Wurzel:
    "Wir haben unseren inneren, wahren, göttlichen Wesenskern vergessen und identifizieren uns mit unserem Körper und unserer Rolle auf dieser Weltenbühne"
    Dies gebiert zwangsläufig Existenz- und Verlustängste. Um diese Grundängste zu verdrängen und zu kompensieren geraten wir immer häufiger und intensiver in Strukturen von Gedanken, Worten und Handlungen, die auf rein selbstsüchtigen Motiven beruhen.
    Stetige kurzzeitige "Betäubungsmomente" würgen die wahre Erfüllung sowohl für das Individuum als auch für die Gemeinschaft permanent ab.

    Radikaler Lösungsansatz (" Wurzelbehandlung"):
    Unseren göttlichen Kern anerkennen, verstehen und v.a. seine Realität erfahren führt zu innerer Sicherheit und damit zu werte-orientierter Lebenseinstellung/
    Lebensführung. Die sog. "Probleme" werden transparent, lösbar und weichen schließlich gänzlich, so wie die Dunkelheit der aufgehenden Sonne...….. (Philosophie 3.0)

    Herzliche Grüße

    Philipp Gratzl

  • #5

    Martin Zaglmayr (Montag, 01 Juli 2019 15:30)

    Ich wusste nicht, dass "philosophische Beraten" als eigene "Disziplin" betrieben wird. Umso mehr freue ich mich, dass dieses Feld schon beackert wird. Auch ich als Coach und Hobbyphilosoph sehe klaren Handlungsbedarf und beschäftige mich intensiv mit eher philosophischen Fragen. Ich beobachte in meinem Umfeld zwei Phänomene.
    1) In Zeiten fortschreitender Digitalisierung und Technologisierung beginnen Teile der Menschheit, sich langsam (wieder) zu emanzipieren und über Entwicklungen und Gewohnheiten aktiv nachzudenken. Wenngleich die nötigen Handlungen überwiegend noch ausbleiben, so findet zumindest ein geistiger Aufbruch als erster Schritt statt. (Umweltschutz,...)
    2) Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird in Menschen=MitarbeiterInnen immer lauter. "Warum soll ich 40 Stunden arbeiten, Überstunden leisten,...?" "Wofür mache ich das alles?"
    Auch im Angesicht des Fachkräfte-/MitarbeiterInnenmangels ist meines Erachtens Sinnstiftung zentrales Thema im Employer Branding. Ein Großteil der Unternehmen muss ihre eindrucksvoll verfassten Leitbilder und Werte erst auf den Prüfstand und in der Praxis zum Leben bringen bzw. sich selbst (neu) finden und definieren. Dies ist der Leuchtturm, nach dem sich bestehende und potenzielle MitarbeiterInnen künftig orientieren!
    Ohne Zweifel verschärft der Wohlstand der Erbengeneration die Gesamtsituation.
    Gesellschaft und Unternehmen müssen erst lernen, sich auf diese neue Situation einzustellen und Alternativen / neue Modelle zu schaffen.
    Diese neuen Herausforderungen bedürfen zweifelsohne eines intensiven philosophischen Diskurses so mancher neuer Grundfragen. Sicher eine sehr gute Gelegenheit für die Philosophie, sich als lebendige und praxistaugliche Disziplin zu positionieren.

    Herzliche Grüße vom Zielgeher,
    Martin Zaglmayr

    www.zielgeher.at
    www.systemisch-fuehren.com