Rammstein, Nietzsche und der Homo Ethicus

Spätestens seit ihrem neuen Album „Rammstein“ und mit Beginn der Europe Stadium Tour vor zwei Wochen ist Rammstein wieder im Munde aller Fans, Empörten und Feuilletonisten. Auch wir leihen der „Legende“ ein Ohr, denn: ob man Rammstein liebt oder hasst, wenn eine Band das Prädikat Querdenker verdient, dann Rammstein.

Wir richten die Scheinwerfer allerdings nicht auf die politische oder musikalische, sondern auf die ethische Bedeutung von Rammstein und damit auf das Mensch-Sein per se. Hatten wir in unserem Blog vor zwei Wochen noch ethische Fragen über technische Innovationen formuliert, denken wir die menschlichen Abgründe quer und diskutieren, warum der Mensch überhaupt eine Ethik benötigt. Rammstein ist dazu eine mögliche Antwort.

 

Die Schattenseiten des Menschen

 

Die gesamte künstlerische Bandbreite von Rammstein, ob Text, Videos, Bilder oder Konzerte, ist zunächst eines: gruselig, missverständlich, gewaltig, brutal und makaber. Kein Tabuthema, keine Ästhetik, keine Perversität, keine Provokation kann anstößig genug sein, dass Rammstein sie nicht verarbeitet. Seit nunmehr 25 Jahren schockt die Band die Moralapostel der Nation konsequent und bringt die Themen in die Mitte der Gesellschaft, die sonst nur am Rande der Nachrichten oder im Untergrund stattfinden: Kannibalismus, Sodomie, Nekrophilie, sexuelle Gewalt und Perversionen aller Art, Fetische, Inzest, psychische Gewalt oder Pädophilie. Daneben finden sich Songs zu Nationalismus, Umweltzerstörung, Faschismus, Liebe, Schmerz, Hass und allen anderen menschlichen (Un-)Trieben. Wenn man so will symbolisiert Rammstein die musikalische Übersetzung eines jeden Hieronymus-Bosch-Albtraums.

Damit eröffnet Rammstein eine der schwarzen Romantik ähnliche Perspektive auf den Menschen als eine Bestie, die trotz aller Rationalität, Moral, Gesetze und Ethik kaum zu bändigen ist. Allein die Verbannung dieser Themen in den sozialen Untergrund beweist die Angst der Gesellschaft vor ihren eigenen Trieben. Diese Angst befeuert Rammstein im wahrsten Sinne des Wortes, in dem sie genau diese Zerrissenheit und Unsicherheit im Umgang mit diesen Schattenseiten des Menschen auf die Bühne bringen. Es ist dieses Hin- und Hergerissen-Sein zwischen Emotionen, Dingen, Trieben und Affekten, die ausgelebt werden wollen, aber qua Vernunft und Ethik nicht ausgelebt werden können, das Rammstein ins Zentrum ihres Schaffens rückt. 

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Gesellschaft als Korrektiv

 

Das „man“ wird, wie es bspw. Norbert Elias in seiner Theorie des Zivilisationsprozesses formuliert, zum Korrektiv und zur Norm der Unmenschlichkeit. Rammstein illustriert diesen Prozess der Verdrängung des Unzivilisierbaren und offenbart dabei auch das Scheitern dieser Selbstzwang-Apparatur, die sich der Mensch auferlegt hat. Denn alle Themen bei Rammstein entspringen keiner irren Phantasie, sondern sind Realität.

Die Soziologin Nina Degele hat einmal formuliert: „In der Aus- und Abgrenzung von Unnormalem und Pathologischem im Umgang mit und der Deutung von Schmerz konstruieren und sichern AkteurInnen Identität, Sozialität und damit Normalität“ (Degele, Nina (2006): Sportives Schmerz normalisieren. Zur Begegnung von Körper- und Sportsoziologie’, in Gugutzer, Robert (Hrsg.)  Body turn – Perspektiven der Soziologie des Körpers und des Sports. transcript, S.141-162) Rammstein diskutiert genau diese Aus- und Abgrenzungen der heilen Welt von der unmenschlichen Seite und inszenieren das Mensch-Sein unter Einbeziehung des Unnormalen und Pathologischen, um damit nicht nur die tradierten Formen der Identitätsversicherung der Gesellschaft zu kritisieren, sondern auch um Diskurse über Tabuthemen in die Öffentlichkeit zu bringen. Es ist gerade die Betonung der Gleichzeitigkeit verschiedener Zustände des Mensch-Seins und damit verbunden die Frage, was eigentlich das „normale“ oder „richtige“ ist, was Rammstein zum permanenten Gewissen der Nation macht: krank und gesund, Mann, Frau oder Zwitter, Leid und Fröhlichkeit, Mut und Angst, Natur und Kultur, Geist und Körper, Trieb und Disziplin, fressen und hungern, dick und dünn, Dreck und Sauberkeit, zum rechts und links, Nationalismus und Kosmopolitismus – kein Dualismus unserer Zeit, der nicht von Rammstein kritisiert und hinterfragt wird. Die Folge: Rammstein fungiert als ein Korrektiv der gesellschaftlichen Korrektivinstrumente.  

 

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Warum Nietzsche Rammstein hören würde

 

Philosophisch gesehen ist Rammstein damit im Denker-Spektrum derer angekommen, die den Menschen stets kritisch, irrational, unzähmbar oder misanthropisch gesehen haben. Schopenhauer, Sartre, Adorno oder Nietzsche wären vermutlich Fans der Band. 

So wies Nietzsche immer darauf hin, dass der Mensch ein Produkt aus Natur, Kultur, Macht, Moral, Religion und Ordnungen ist, wobei der natürliche und tierische Anteil für das Mensch-Sein bedeutsamer erscheint als der gesellschaftlich konstruierte Anteil, wie bspw. die Ethik und das sozialisierte Bewusstsein: „Das Sprüchwort spricht: Scharf und milde, grob und fein, vertraut und seltsam, schmutzig und rein, der Narren und Weisen Stelldichein: dies alles bin ich, will ich sein, Taube zugleich, Schlange und Schwein“ (Nietzsche, Friedrich (2000): Die fröhliche Wissenschaft. reclam, S.18). Gerade die tierischen Anteile im Menschen sind bei Nietzsche wie Rammstein immer wieder Ankerpunkt, an denen Kritik an der Gesellschaft aufgehangen wird.

 

„Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, – ein Seil über einem Abgrund. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben“ (Nietzsche, Friedrich (1994): Also sprach Zarathustra. reclam, S.12).

 

In diesen Abgrund wirft Rammstein den Hörer erbarmungslos hinein und läßt ihn ohne Bewertung allein zurück. Denn Rammstein verzichten auf eine werturteilende Kommentierung der Themen und skizzieren ausschließlich die Dramatik der nietzscheanischen Verortung des Mensch-Seins, die ein Teil der ewig menschlichen Tragödie ist: Der Kampf mit der eigenen Identität, das Geist-Körper-Dilemma, das Misstrauen gegen die eigene Natur, die Infragestellung der Rationalität. Im Video zu Mein Teil wird dieser Kampf offensichtlich: Die Qual des sich am Boden krümmenden Körpers, der Engel, der von einem Menschen gefressen wird, die Suche nach dem Sinn in einer unsichtbaren Kultur, der Frust über die Lust am Essen und am Sex. Die Darstellung des getöteten Federkörpers (des Engels), der schließlich als lebendiger Mensch in den Kampf gezerrt wird, wie auch die Darstellung des Menschen als Hund in der Schlusssequenz, der wiederum vom Menschen gezügelt wird, sind hier die tragenden Symbole dieses Kampfes und dieses Dilemmas.

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Rammstein als ethisches Gewissen

 

Es ist genau diese eigentlich berechenbare und dennoch immer wieder überraschende Provokation anhand von Bildern, Texten, Musik und Performanz, mit der uns Rammstein unsere eigenen Abgründe vor Augen führt und so die Schattenseiten des Homo Sapiens ans Licht bringt. 

Die Frage nach dem Grund einer Ethik wird so leicht beantwortet: Es ist schlicht die Angst vor dem Mensch-Sein, die den Menschen dazu zwingt, sich selbst zu regulieren und Normen zu formulieren. Natürlich können idealistische oder positive Ziele dazu eine Motivation sein (bspw. die Rettung der Natur als ethisches Ziel), zur Begründung einer Moral reichen diese aber nicht aus. Es ist vielmehr die Geschichte des Menschen, die nicht nur als Erfolgsprojekt der Aufklärung, sondern im rammsteinschen Sinne als ewiger Kampf mit sich selbst erzählt werden kann und so die Notwendigkeit für eine Ethik begründet.

     

Der Erfolg von Rammstein beweist dabei eines deutlich: Die Magie und der Reiz, sich mit den Schattenseiten des rationalen Menschen zu beschäftigen, sind Themen, die zeitlos sind und uns bei aller Technisierung und Digitalisierung immer wieder an eines erinnern: Den Mensch in seiner Gesamtheit ernst zu nehmen und die Haltung der Menschheit gegenüber sich selbst immer neu querzudenken!

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer

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Kommentare: 1
  • #1

    Marcus Choynacki (Sonntag, 16 Juni 2019 18:32)

    Lieber Rainer,

    ich finde Deine Ausführungen unglaublich gut und danke Dir hierfür! Ich möchte nur darauf hinweisen, dass nur durch Reibung Wärme entsteht (in der newtonschen Physik) und die "Wärme" das Wesen der Demokratie ist. Streit! Mit Lenin: "Im Streit liegt die Wahrheit!". Diese unglaublich negative destruktive Energie des Streits und der Zerstörung ist zugleich die Wurzel für einen Neubeginn (die aus der Erfahrung und dem Verlust des Alten entsprungen ist - keine theoretisch erdachte "Lösung"). Manche sagen, es ist die einzige Konstante in der Geschichte der Menschheit....

    Also Streit ist gelebte Demokratie! Diese muss auch nicht im "Hintergrund" gelenkt werden, wie dies manche Staatsrechtler gerne hätten. Diese Aussagen sind getrieben von der Angst des Kontrollverlusts - jedoch in meinen Augen nicht durch eine höhere Logik bedingt. Im Gegenteil. Wer sich entwickeln will, muss sich verändern und bestehendes infrage stellen. Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch, dass diejenigen die dies nicht tun, der Entwicklung und dem Fortschritt entgegenstehen und diesen sogar verhindern. Und dies ist negativ für das Ganze.
    Also weiter so!

    VG

    Marcus