Querdenken als Instrument politischer Vernunft

Wir müssen reden. Nochmal. Über Moral und Ignoranz, politisch Unkorrekte und sozial Engagierte, gute Menschen und böse Taten, Empörung und Betroffenheit, Idealismus und Pragmatismus, Toleranz und Diffamierung. Und über Sie, die Leserschaft und uns, die Autorenschaft. Wir fragen: Wie konnte es mit uns nur so weit kommen?  

 

Blog-Review

 

Unsere letzten beiden Blogs waren voll mit moralischer Empörung und Wehklagen über den Greta-Hype, die political correctness, die politisch korrekt Korrigierenden, die Schweigespiralen und den modernen Internetpranger. Dabei haben wir uns als kritische Beobachter teilweise derselben Mittel, Parolen, Polemiken und rhetorischen Techniken bedient, wie diejenigen, die wir eigentlich dafür kritisieren. Warum? Weil auch die Form den Inhalt bestimmt. Und natürlich um zu provozieren. Schließlich sind wir bei den Quer- und nicht den Konformdenkern. Everybody's darling, everybody's...Sie wissen schon... 

Zugleich haben wir aber auch versucht, den heutigen Zeitgeist der Hypermoral zu skizzieren und Kritik am Umgang mit scheinbar politisch unkorrekten Meinungen zu üben. Diese Skizzierung wollen wir heute noch vertiefen. Analytisch. 

Ob das gelingt, entscheiden Sie, liebe Leserschaft.

Zur Evolution der politisch korrekten Gesellschaft


Viel haben Sie über Greta und das politisch Korrekte in den sozialen Medien diskutiert. Auch fanden Sie hervorragende Strategien zum Umgang mit Morallehrenden oder teilten nur die Meinung des Autors. Danke dafür! Nicht erörtert wurde die Frage: Wie konnte so ein soziales Klima der Empörung überhaupt entstehen? Warum schwanken wir bei Diskussionen nur noch zwischen moralisch gut und böse, anstatt auf Lösungen der Probleme zu schauen? Warum verliert eine aufgeklärte, tolerante und demokratische Gesellschaft beim kleinsten Gegenwind oder einer abweichenden Meinung ihr Selbstbewusstsein und versinkt in Alarmismus? Warum regiert in einer Welt des Wissens die Betroffenheit? Warum werden Menschen diffamiert und öffentlich vernichtet, wenn sie andere, kritische, polarisierende Meinungen haben? Ist nicht gerade das Aushalten anderer Meinungen der wesentliche Baustein einer Demokratie?  

Wir können diese Fragen hier natürlich nicht umfassend beantworten. Weder haben wir so viele "Löffel der Weisheit gefressen", noch haben wir das Wittgenstein'sche Selbstbewusstsein, um zu sagen, dass mit unseren Worten das Thema abschließend analysiert ist. Aber als Querdenker haben wir logischerweise immer ein paar Thesen und fragen anders herum: Welche soziale Funktion erfüllt die political correctness? Welches Bedürfnis befriedigt so ein Verhalten? Welchen Transformationen unterliegt unsere Gesellschaft, um so zu (re-)agieren? 

 

Querdenker live treffen!


 

Welt als Chaos 

 

Die Standardantwort aller Politiker, Experten und Kommentatoren ist: Angst, Chaos und Unsicherheit. Und ja, natürlich ist dieser Befund richtig. Wir sind verunsichert: Individualisierung, Terror, Brexit, Trump, Klima, Internet, Putin, Globalisierung, Mieten, Upload-Filter, Migration, Populisten, Diesel-Fahrverbote, China, Null-Zins-Politik, Merkel, Plastikmüll, Altersarmut, Iran, Blockchain, Stickstoff, Gentechnik, Investoren, Enteignungen, AfD, Grüne, CSU und Kapitalismus etc. – suchen Sie sich einfach Ihre persönlichen Unsicherheitsfaktoren und Angstmacher aus. 

Was bei dieser Antwort aber nie gefragt wird: Rechtfertigen Angst und Unsicherheit die Absenz von demokratischen Grundregeln? Oder kann Angst allein ein Grund sein, eine andere Meinung moralisch herabzusetzen? Theoretisch keineswegs, praktisch ja. 

 

Angst IST

 

Beispiel: Setzen Sie sich ihrer größten Angst aus und versuchen Sie dann, vernünftig, ruhig und gelassen zu reagieren. Ja, sicher, das kann funktionieren, häufig aber auch nicht. Warum sollte ein Diskurs oder eine Gesellschaft nicht genauso reagieren? Frei von Rationalität geht es im Panikmodus dahin, wenn die Gefahr kurz vor der Haustüre steht. Die Angst und vor allem die Hilflosigkeit, mit der man der Komplexität der Probleme heute entgegentritt, führen unweigerlich zu einer Mischung aus Hysterie, Panik, Alarmismus und Monoperspektivität. Grautöne, differenzierte Meinungen oder Pragmatismus sind in so einer Stresssituation immer schwer zu ertragen. 

Unbestritten ist: Unsere Gesellschaft und jeder Einzelne sind im Stress sowie in Angst. Ein Teil der Gesellschaft reagiert betroffen, der andere empört, der nächste aggressiv, der andere ignorant, der nächste pragmatisch, der andere politisch, der andere aktionistisch, der andere protestierend. Und alle Arten sind verständlich und sollten toleriert werden.                

Denn sind wir ehrlich: Natürlich haben wir massive Ängste in der Gesellschaft, ob begründet, rational oder emotional, sie sind da und sie haben Konsequenzen. Ihre Ursprünge sind so vielfältig, wie es dazu unzählige Lehrbücher gibt. Seien es die Auswüchse des Kapitalismus, die politischen Despoten, der Egozentrismus jedes Einzelnen, der Zwang der Individualisierung, die Beschleunigung der Zeit, die sozialen Normen des perfekt erfüllten Lebens, einengende Traditionen, Machtgier, Bildungsversagen, Großkonzerne, Politiker oder jeder Einzelne – alle Aspekte tragen zur Verunsicherung in der Gesellschaft bei. Daher ist es nur logisch und verständlich, wenn sich der Mensch angesichts des aussichtslosen Kampfes gegen das Ungemach der Welt zumindest auf der moralisch guten Seite in der Menge aller anderen Einzelkämpfer wähnt. Denn Selbstbewusstsein wächst nicht nur aus selbstgeschaffenen Erfolgen, sondern manchmal auch dadurch, dass man auf der "richtigen" Seite über anderen steht. 

Wenn man so will: Der Zwang zum politisch Korrekten entsteht aus einer tiefen existentiellen Selbstverunsicherung, die man durch die Positionierung auf der moralisch guten Seite in den Griff bekommen will. Fußballexperten kennen so ein Verhalten von den sog. Erfolgsfans: man geht zu dem Verein, wo der Erfolg ist, um davon zu profitieren. Unsere These: Der FC Liverpool hat heute viele Fans, die vor 3 Wochen noch FC Bayern, BVB, Barcelona oder Juve-Fans waren (aber auch das wäre ein anderer Blog...).  

 

Der Querdenker-Kongress 2019


 

Der Sieg der Moderne

 

Bleiben wir bei den Problemen der modernen Welt und überlegen, woher diese kommen. Eine zentrale Erklärung: Wir haben in unserer Entwicklung als Menschheit schlicht gewonnen, wie der Soziologe Ulrich Beck es einst formulierte: "Die moderne Gesellschaft krankt nicht an ihren Niederlagen, sondern an ihren Siegen!" Unser Ratschlag an dieser Stelle: Lesen Sie nicht nur den Eigenen Gott von Ulrich Beck, sondern vor allem die Weltrisikogesellschaft und die Metamorphosen der Welt

In der Tat sind unsere Errungenschaften in allen gesellschaftlichen Feldern zugleich das Problem, das uns ratlos, mutlos, hilflos oder umgekehrt, aggressiv, gereizt oder überheblich werden lässt. Jeder kennt die Zwänge, denen man im alltäglichen Leben ausgesetzt ist.  

Die Sehnsucht, auf der moralisch guten Seiten zu stehen, ist daher neben der Stärkung des Selbstbewusstseins auch als Versuch zu verstehen, ein Problem in den Griff zu kriegen, das man selbst nicht lösen kann. Niemand kann alleine die Klimakrise meistern, aber es hilft einem für das eigene Befinden, sich zu engagieren, entweder durch eigene Taten oder manchmal auch durch moralische Überhöhung. Niemand kann Trump am Twittern hindern, aber es fühlt sich richtig an, dagegen zu twittern. Niemand kann die Angst vor Terror beseitigen, aber es ist wichtig für die Identität einer Gesellschaft, für Weltfrieden zu demonstrieren. Nicht nur der Mensch, jede Gesellschaft braucht ihre Selbstvergewisserungsmechanismen, um ihre Angst vor falschen Handlungen im Griff zu haben. Wir Deutsche (die meisten zumindest) haben aus der Geschichte gelernt und reagieren äußerst sensibel auf rechtes Gedankengut. Je mehr Angst vor ihren eigenen Schwächen und je weniger Selbstsicherheit über die eigenen Stärken eine Gesellschaft hat, umso hysterischer wird sie auf Bedrohungen wie das Klima oder die AfD reagieren.    

 

Die kosmopolitische Gesellschaft

 

Ulrich Beck hatte in seiner Theorie des Kosmopolitismus in den 2000er Jahren auch formuliert, dass die Auflösung von Grenzen unweigerlich voranschreitet. Dabei wird aus einer pluralistischen Gesellschaft, in der das „Nebeneinander von Vielen“ existiert, eine kosmopolitische. In dieser werden alte Kategorien überwunden, neue Denkweisen eröffnet und über die Kultur- und Ländergrenzen neue Formen des Zusammenlebens kreiert. 

Dieser soziologische Befund war für Beck, ohne dass er das je postuliert hätte, vielleicht auch ein idealistischer Soll-Zustand, vielleicht sogar eine ethische Handlungsanleitung, um eine bessere Welt zu ermöglichen. Nämlich eine Welt, in der Grenzen tatsächlich überwunden, Demokratie global lebendig und Toleranz für das Andere Realität werden kann. Dieser Wunsch spiegelt sich in seiner Diagnose wider, dass das „entweder-oder“, also harte Dualismen (bspw. Ökologie vs. Ökonomie, gut vs. böse) einem „sowohl-als-auch“ weichen. In vielen Feldern hat die Welt hier schon enorme Fortschritte erreicht. 

Doch sind wir ehrlich: Leider werden jeden Tag auch wieder neue Grenzen, Dualismen, Abschottungen und Intoleranzen lebendig. Durch falsch verstandene Korrektheit und aus Angst vor sich selbst, opfern Gesellschaft oder Politiker die schon erlangte Modernität und begrenzen sich selbst zurück ins vorige Jahrhundert. Anhand von Europa werden wir nächste Woche zeigen, wohin falsche Grenzen führen können. 

Die Vision einer kosmopolitischen Gesellschaft der wirklich gelebten Vielfalt in Einheit bleibt wohl noch länger eine Vision, da wir heute als Menschheit noch keineswegs so modern leben, wie wir uns gerne beschreiben.  

Querdenker-Partner


 

Querdenken für eine offene Gesellschaft

 

Wir stellen fest: Querdenken muss politisch unkorrekt sein, in dem Sinne, dass Mainstream-Meinungen, moralische Instanzen, Denkhierarchien, ethische Positionen oder politische Diskurse jeglicher Art immer hinterfragt werden müssen.

Wer querdenkt, MUSS reflektieren, andere Perspektiven einnehmen, das große Ganze von verschiedenen Standpunkten beleuchten und Argumente finden, die andere in ihrem ideologischen Tunnel nicht finden. Die Gestaltung der Zukunft braucht weniger einen einseitigen moralischen Imperativ der Anklage, sondern vielmehr eine Toleranz und Neugier gegenüber anderen Ideen, da nur so Innovationen und Kreativität entwickelt werden können. Es muss das "sowohl-als-auch" ernstgenommen werden, denn die Welt besteht nicht aus Schwarz und Weiß, sondern aus ganz viel Bunt.

Erst dann ist Querdenken im Verständnis unserer eigenen Agenda politisch korrekt!

 

 

(Quelle: Ulrich Beck und Edgar Grande: Jenseits des methodologischen Nationalismus. Außereuropäische und europäische Variationen der Zweiten Moderne. https://www.soziale-welt.nomos.de/fileadmin/soziale-welt/doc/Aufsatz_SozWelt_10_3-4.pdf)

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer

weitere Artikel lesen

Querdenker Medienpartner


Querdenker, XING
Querdenker, Facebook
Querdenker, Instagram
Querdenker, Events

Kommentar schreiben

Kommentare: 0