Ars vivendi – Lebenskunst quergedacht

Nachdem wir das individualisierte Ich in den letzten Wochen vom Vernunftzweifler über das spirituelle Wandern zum eigenen Gott hochstilisiert haben, wollen wir dem ganzen Identitätsstress noch eine ästhetische Dimension hinzufügen. Denn: Sein Leben in der heutigen Moderne gestalten zu müssen, ist nicht nur eine Frage des Glaubens, sondern auch eine Kunst! 

 

Zumindest in den Industriegesellschaften heißt Leben heute ja nicht mehr „Überleben“, sondern  „Besser Leben“. Wie in unserer Multioptionsgesellschaft aber besser gelebt wird, ist nicht mehr nur eine Frage des eigenen Glaubens, sondern wahrlich eine Kunst. Denn neben dem Warenlager der spirituellen Sinnanbieter, gibt es ein noch viel größeres der Lebenshilfeanbieter und Ratgeber.

Ob Y-Prominente, Köche, Blogger, Handwerker, Aussteiger, Sportler, Gescheiterte, Erfolgreiche, (selbst-ernannte) Psychologen, religiöse Experten, spirituelle Sinngeber, Pädagogen, Politiker, Wissenschaftler oder Querdenker, alle haben sich der Aufgabe verschrieben, das Individuum in seiner modernen Orientierungslosigkeit an die Hand zu nehmen und ihm den „wahren Wert“, den „Sinn des Lebens“ oder den „Weg zu sich selbst“ aufzuzeigen. Die in nahezu jeder soziologischen Gesellschaftsdiagnose konstatierte wachsende Komplexität des Lebens ist zu einer echten Herausforderung für den Alltag geworden, jede Veränderung des Lebensentwurfs zum potentiellen Problem, dem scheinbar nur durch Beratung begegnet werden kann. 

 

Die Begriffe der Beratungs- oder Wissensgesellschaft werden hierfür gerne genannt, wenngleich man beim Blick auf den Boom der Beratungen eher von einer Gesellschaft der Ratlosigkeit sprechen könnte. Der Mensch scheint ohne Beratung ja fast hilflos verloren in einer täglich stärker enthemmten, verflüssigten und postmodernen Gesellschaft. Ehe und Beziehungen? Kurz vor dem Verschwinden, da ohne Flirtschulen oder Tinder-App das andere (oder dasselbe) Geschlecht unerreichbar ist. Haustiere und womöglich Kinder? Zu riskant bei der Heerschar an Gefahren für Stammhalter und Stammhalterersatz, denn ohne individuellen Ernährungsberater, Windelexperten, Familienpädagogen und Tierpsychologen wird der Zimtstern zur tödlichen Gefahr für das Kind, die Windel zur entzündlichen Ausschlagfalle und das untherapierte Meerschweinchen zum blutrünstigen Pelztiermonster in den heimischen, von Designberatern gestalteten vier Wänden. Selbst die Wiederentdeckung des männlichen Geschlechts wird ohne Tanz im Lendenschurz ums Lagerfeuer mit Dosenbierdusche und rohem Fleischverzehr bei speziellen Männerseminaren so unmöglich, wie der Kauf einer Musiktitels ohne itunes-Charts und amazon-Rezensionen. 

 

Würde man eine Gesellschaft nur anhand seines Ratgeberfeldes skizzieren, wäre Alice im Wunderland längst Realität und unser Wunderland bevölkert von permanent sinnsuchenden, orientierungslosen - ja man möchte sagen - nahezu lebensunfähigen Menschen. Für jede echte, potentielle oder konstruierte Funktionsbeeinträchtigung des Individuums findet sich eine diagnostische Titulierung und Therapie, für jeden Zweifelnden der erleuchtende Weg zu sich selbst, zu Gott oder zur nächsten Beratungsinstanz. 

War für Marx einst die Religion das Opium für das Volk, sind es heute die Beratungen, Ratgeber, Experten und Coachings, die dem Menschen eine Welt voller Lösungen präsentieren und damit die Eigenverantwortung gleichsam narkotisieren, unabhängig ob ein Problem als solches überhaupt existiert oder erst konstruiert werden muss. Die Mühen des eigenen Denkens werden nicht mehr als selbstverantwortlicher Aufgabenbereich angesehen, das Selbst und die eigene Existenz, ja der gesamte Sinn des Lebens werden zu Konsumgütern, die Gesellschaft zum Umschlagplatz für Lebenskonstruktionen und Deutungsgebote der eigenen Existenz. Der Hinweis von Peter Sloterdijk „Du musst Dein Leben ändern!“ (2009) wird übertönt von der Formel „Wir müssen Dich ändern“ aus den Kehlen des Berater- und Coachingchors, denn Beratung ist in diesen Zeiten bei allen Krisen alternativlos. 

 

So erstaunt es nicht, dass sich unter die Coaches heute auch die Philosophen mischen. Denn in der Gesichte der Menschheit waren es immer auch Philosophen wie Sokrates, Epikur, Seneca oder Nietzsche, die in der „philosophischen Praxis“ neue Denkweisen zum sinnerfüllten Leben präsentierten. Die „Ars Vivendi“ oder das „Savoire-Vivre“ erfahren mittlerweile eine Renaissance in Gestalt der sogenannten „Lebenskunstphilosophie“. Gerne stereotypisiert und mit Vorurteilen behaftet, bezeichnen diese Begriffe im populären Sprachgebrauch den Künstler, den Rebell, den Genießer, den Freigeist oder den mit materiellen Gütern ausgestatteten Lebemann. Damit verbunden wird häufig die Annahme, dass diese Menschen „es geschafft haben“, dass sie ein freies Lebens fernab der zivilisatorischen Zwänge führen, dass sie wissen, wie es sich gut leben lässt und die in aller Lockerheit dem Alltagsstress abgeschworen haben. Schnell schießen einem Bilder in den Kopf, die man mit der Ars Vivendi verbindet: Sartre, philosophierend mit Simone de Beauvoir in einem Pariser Café sitzend; Epikur, weintrinkend und mit seinen Schülern im Garten der Lüste wandelnd; Joseph Beuys und Andy Warhol, in und mit ihren Musen mit allen Sinnen vertieft. 

 

Entschlackt man die Ars Vivendi von den Vorstellungen eines luxuriösen und künstlerischen Lebens und besinnt sich auf die übersetzte Form der reinen Lebenskunst und den Lebenskünstler, so tauchen die umgekehrten Vorstellungen des klassischen Aussteigers, des verarmten Querdenkers oder des Alt-Hippies auf, der zwar nicht mit materiellem Gut, aber mit freigeistigem Material gesegnet, ein Leben scheinbar außerhalb der Zivilisation verbringt oder von ständigen finanziellen Krisen geplagt, irgendwie durch den Alltag zu kommen versucht. 

 

Kurz gefasst: der normale, arbeitende, sich nicht in extremen Lebenslagen befindende Mensch hat und braucht scheinbar keine Lebenskunst, ist kein Lebenskünstler, da sein Leben eben fest strukturiert und störungsfrei erscheint, es somit auch nicht einer Kunst bedarf es zu gestalten. 

Für uns als Querdenker ist allerdings klar: Jeder muss heute ein Künstler seines Lebens sein, sich sein Leben zusammen „werkeln“ und seine eigene Ästhetik schaffen. Weder heißt Lebenskunst, sich nur den schönen Künsten oder dem Luxusleben zu widmen, noch als Hippie durch die Welt zu schlurfen. Es ist vielmehr eine Kunst, sich jeden Tag aufs Neue durch die Arbeitswelt, den Freizeitstress oder die 45 Marmeladensorten zu kämpfen und dennoch grinsend ins Bett zu fallen. Vielleicht ist sogar das Führen eines normalen Lebens, fernab von Yachten oder Kommunen, die wahre oder hohe Kunst. Denn sich jeden Tag dem Wahnsinn der Welt zu stellen und NICHT zu fliehen, ist das eigentliche Kunstwerk.

 

„Das Radikale an der Epoche, in die wir gerade eintreten, manifestiert sich in einer neuen Kunst, die darin besteht, Gewissheiten zu erfinden, damit die Fragmente des zerbrochenen Sinns wieder zusammengefügt werden können und damit ganz einfach die alltäglichsten Handlungen wieder möglich werden. Je mehr Informationen und je mehr Grund zum Nachdenken es in der zweiten Moderne gibt, desto nötiger ist es für die Individuen, um existieren zu können, ihre Gewissheiten, ihre kleinen momentanen Glaubensüberzeugungen zu bestärken“. (Jean Claude Kaufmann, 2010, Wenn ICH ein anderer ist).

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer


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Kommentare: 6
  • #1

    Johannes Hegmans (Donnerstag, 25 April 2019 13:12)

    Ich bin auf Erkenntnissuche. Leider hilft der abgedruckte Beitrag mir nicht weiter. Oder gibt es ein Stichwort, einen Satz oder eine Erkenntnis, die ich übersehen habe?

  • #2

    Klaus Jotz (Donnerstag, 25 April 2019 15:04)

    Ich persönlich halte ja das individualisierte Ich für eine generelle Fehleinschätzung der menschlich gesunden Lebensweise, die lediglich der Festigung der neoliberalen Gedankenwelt Rechnung trägt, denn nur auf diese Weise ist der Mensch maximal manipulierbar - sehen wir einmal von der Nutzung gruppendynamischer Effekte ab, die allerdings durch emotional basierte Infiltrierung von Meinungslenkern in die Gruppe initiiert wurden.

    Der Mensch ist ein soziales Wesen, das, wie auch immer geartet, zum Leben die Nähe seiner Wesensgenossen braucht. Das zeigt nicht nur die Psychologie, sondern auch die Medizin anhand einer Vielzahl von Studien. Und, es gilt nicht nur soziologisch, sondern ganz speziell auch wirtschaftlich, denn ohne soziale Gemeinschaft ist wirtschaftliches Handeln nicht möglich. Das wird in der neoliberalen Theorie gerne vergessen oder besser unter den Tisch gekehrt.

    In gewisser Weise ist Leben immer eine Form von Kunst, denn egal ob in der Gruppe oder als Individuum, der Mensch steht meist vor der Aufgabe, seine Bedürfnisse im Kontext der Rahmenbedingungen und den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln umzusetzen. Dazu braucht es eine gewisse Basis an kreativem Denken und Handeln – beides wird nicht immer positiv und zum Wohle aller ausgeführt, kreativ ist es allemal.

    Natürlich erschwert die Multioptionsgesellschaft die Entscheidungsfindung – jedoch nur dann, wenn sich der Mensch dadurch verwirren oder irritieren lässt. Sofern er sich über seine wesentlichen Bedürfnisse im Klaren ist und sich auf sie konzentriert, spielen Multioptionen keine allzu große Rolle mehr.

    Das trifft natürlich auch auf die angeführten Auswüchse der Beratungsangebote zu, die sich lediglich durch den neoliberal verunsicherten Menschen nähren. Wer einen spirituellen Weg wählt, sucht sich in der Regel einmal einen passenden Lehrer und orientiert sich an dessen Lehren, sofern es sich tatsächlich um einen Lehrer handelt, nicht um ein mit Psychoneurosen oder Narzissmus durchsetztes Subjekt.

    In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, weshalb die Philosophen der Geschichte, aber auch jene der Moderne, nicht als Berater dienen sollten. Sofern sie les- und verstehbar sind, stellen sie eine ausgezeichnete Basis für die Persönlichkeitsentwicklung dar, sofern man als Lernender bereit ist, neue und möglicherweise unbequeme Sichtweisen anzunehmen oder zumindest durch eine Veränderung des persönlichen Blickwinkels zu überdenken. Nicht selten beruhen die aktuellen Beratungskonzepte nämlich auf genau einer oder einer Verknüpfung mehrerer dieser Lehren – die wenigsten „Denker“ machen sich die Mühe, selbst etwas vollständig Neues zu kreieren, was aber auch nicht unbedingt erforderlich ist, sofern eine Adaption an die aktuelle Situation erfolgte.

    Insofern stimme ich nahezu vollständig, mit kleinen Einschränkungen, den letzten beiden Absätzen des Beitrags zu.

  • #3

    Marcus Schmauss (Donnerstag, 25 April 2019 15:58)

    Danke für den exzellenten Beitrag. Ich stimme Ihnen in Ihrer Analyse zu, finde aber die Ergänzung von Herr Jotz zur neoliberalen Gedankenwelt ebenfalls notwendig. Im Buch von Byung-Chul Han "Psychopolitik - Neoliberalismus und die neuen Machttechniken" geht der Autor übrigens exzellent auf die Auswüchse eine rein ökonomisch orientierten Welt im Bereich "Sinnsuche, Persönlichkeitsoptimierung,...etc" ein.

    Meine Meinung zu diesem extrem wichtigen Thema: Haben Sie den Mut "reaktionär-indifferent" auf den sich ständig ändernden "Sinnsuche-Supermarkt" zu reagieren. Was kann das konkret bedeuten:

    1) Schleudern Sie Ihrem besorgten Coach oder Lifestyle-Berater nach der Frage "Möchtest Du nicht die beste Version Deines Selbst werden?" ein lässiges "Nein, danke, ich bin eigentlich zufrieden" entgegen ohne sarkastisch zu werden.

    2) Meiden Sie teure Wellness-Hotels, überteuerte Yoga/Meditationskurse oder maßgeschneiderte Coaching-Sessions, den fünfzigsten Ratgeber zum Thema "Selbstoptimierung und Zeitmanagement" sondern gehen Sie ab und zu in den Wald, sprechen Sie mit Freunden über kleine Freuden und Sorgen, halten Sie Kontakt zu Ihrer Familie, lesen Sie ab und zu ein bereicherndes Buch etc. -machen Sie aus Ihrem Leben keine Wissenschaft und machen Sie aus Ihrem Leben keinen Nonstop-Workshop..

    3) Und drittens erkennen Sie den Unterschied zwischen "Mir ist alles egal/ich habe aufgegeben/ich hasse die Leistungsgesellschaft/ich bin gegen das System" und "Ich möchte mich nicht instrumentalisieren lassen/Nicht alles, was Wert hat, muss auch einen Preis haben/da muss ich nicht unbedingt mitmachen".

    Ich denke, dass man bereits sehr viel erreicht hat, wenn man diese Punkte verinnerlicht hat - das ist zwar nicht spektakulär und aus neoliberaler Sicht sicherlich nicht "lukrativ". Es hilft aber ein wenig zufriedener durch den Alltag zu gehen. Und der durchschnittliche, arbeitende Mensch war ja - wenn ich es richtig verstanden habe - ein zentrales Anliegen Ihres Artikels.

    "Denn sich jeden Tag dem Wahnsinn der Welt zu stellen und NICHT zu fliehen, ist das eigentliche Kunstwerk" schreiben Sie. Ja, Sie haben Recht. Aber es ist nicht notwendig zwischen 45 Marmeladen immer wieder neu zu unterscheiden und es ist auch nicht notwendig "eine einzige Marmelade" als "Weg zur Simplicity" zu preisen.

    Eine Marmelade kann u.U. einfach reichen, weil sie einem schmeckt und alles weitere unnötig Kopfschmerzen macht...

  • #4

    Heinrich Lang (Freitag, 03 Mai 2019 08:22)

    ...danke, Herr Schmaus!
    Bleibt nur noch hinzuzufügen: ...Denn die wahre Lebenskunst ist nicht, ein vermeintliches Optimum oder imaginäres Glück zu erreichen, sondern persönliche Zufriedenheit zu haben und zu bewahren, unabhängig vin immer neuen (meist materiellen) Wunscherfüllungen.
    Und diese Zufriedenheit kann nur noch gekrönt werden von Versöhnung - mit Gott und persönlich nahestehenden Menschen.

  • #5

    Marcus Schmauss (Freitag, 03 Mai 2019 13:12)

    Ich sage "Danke" Herr Lang. Das ist/war ein sehr interessanter Beitrag. Viele Grüße aus Wien

  • #6

    Karin Krieger (Sonntag, 12 Mai 2019 17:53)

    Alle vorangeführten Beiträge, Kommentare, fand ich interessant und auch ziemlich konform zu meinen Gedanken zum Thema.
    Was ich allerdings vermißte, war ein genaueres Eingehen auf die Warum-Frage.
    Warum sind so viele Menschen ratlos?
    Warum gibt es dieses enorme Angebot an Beratung zu allen Lebensfragen?
    Meiner Ansicht nach ist der große gesellschaftliche Schwachpunkt unserer Zeit der Mangel an echter Kommuniktion, an wirklichen Gesprächen.
    Ratlosigkeit, Zweifel gab es schon immer. Man besprach sich mit der Familie, mit guten Freunden.
    Die haben aber, oder nehmen sich nicht mehr die Zeit für längere, in die Tiefe gehende Gespräche. (So wie man sich selbst auch zu wenig Zeit nimmt, ein gutes Buch zu lesen.)
    Coaches, Beratungsdienste aller Art aber nehmen sich die Zeit, hören mir zu, weil sie ja für diese bezahlt werden. "Es hört mir jemand zu" ist wohl der hauptsächlichste Grund, warum diese Dienste in Anspruch genommen werden.
    Die Welt ist nicht wahnsinniger, als sie es immer schon war. Wir bekommen bloß mehr Informationen über sie. Wir können, aber wir müssen diese Informationen aber nicht als Maßstab für uns selbst nehmen. Ich muß nicht alle 45 Marmeladen verkostet haben; ich muß nicht alle Sprachen der Welt sprechen können und ich muß nicht meinen Lebenssinn an den von X anpassen.
    Um an die indirekte Frage von Herrn Hegsmann, der den ersten Kommentar abgab, anzuschließen:
    was für Dich richtig ist, das findest Du nicht in Beiträgen welcher Art auch immer. Das findest Du nur in Dir selbst. Wie Herr Schmauss schrieb: vielleicht in langen Waldspaziergängen. ... und in der Versöhnung. In der Versöhnung auch und vor allem mit Dir.