Ich: Der eigene Gott

Jeder ist heute ein Gott; zumindest für sein eigenes kleines Himmel- oder Höllenreich. 

Basierend auf der Frage der letzten Woche, wie sich der Mensch heutzutage seine eigene Religion und seinen spirituellen Glauben zusammenbastelt, wollen wir dieser These noch eine analytische Ebene hinzufügen. Denn der Patchwork-Glaube ist nur EIN Teil und EINE Folge eines universalen Prozesses, der alle Lebensbereiche erfasst: Die Individualisierung. 

 

 

Wählen MÜSSEN

 

Blicken wir mit einem Zitat des Soziologen Ulrich Beck auf die zentrale These der Patchwork-Religion von letzter Woche zurück:

Inzwischen ist es fast schon zur Plattitüde geworden, darauf hinzuweisen, daß es sich hierbei [dem individualisierten Glauben, Anm. d. Verf.] um eine neue spirituelle Kultur handelt, die sich, über die Grenzen von Nationen und Religionen hinwegsetzend, ihre religiösen Inhalte und Praktiken nach Belieben den verschiedenen religiös-spirituellen Traditionen von Orient und Okzident entlehnte, um sie, angereichert mit wechselnden psychologischen Modepraktiken, zu Formen des eigenen Gottes zusammenzubasteln. Diese Bewegungen stellen die individuelle Suche nach Vollendung und persönlicher Entwicklung, die mit einer Bereicherung der Seele einhergeht, in den Vordergrund.

 

Soweit, so gut. Denn was spricht schon gegen die Freiheit, sich seinen Glauben selber zu basteln und zum Gott für sich und sein Leben zu werden? Richtig, nichts. Außer: Gott zu spielen bedeutet auch: Stress. Das Absurde an der Individualisierung ist ja gerade die Freiheit, alles selbst entscheiden und wählen zu MÜSSEN. Es erfreut jeden Konsumenten, wenn er zwischen 45 verschiedenen Marmeladen-Sorten auswählen kann. Zugleich heißt das aber auch, 44 andere Marken ausschließen zu müssen und damit vielleicht etwas zu verpassen.

 

Die Optionen, die jedem heute für seine Lebensgestaltung zur Verfügung stehen, sind sowohl in ihrer Menge als auch in ihren spirituellen Tiefen unendlich. Der Film „Fight-Club“ thematisiert dieses Problem in einem der genialsten Filmzitate aller Zeiten: „Ich blätterte Kataloge durch und fragte mich, welche Esszimmer-Garnitur wohl meine Persönlichkeit definiert!“

 

 

Der ICH-Stress

 

Das Ich als Ausgangspunkt der Ich-Suche ist in diesem Sinn Problem und Problemstifter zugleich. Denn durch den Verlust der ontologischen Sicherheit durch die Kirchen, Gott oder die Familienvorgaben konstruiert sich das Individuum seinen Ich-Entwurf selbst, auf Basis seines eigenen Ichs, das aber bereits selbst in Frage steht und immer neu gefunden werden muss. War das Individuum einst von einer transzendenten Schicksalsmacht, einem sozialen Status, durch traditionelle Rollen oder den Anspruch der Vernunft be-stimmt, wird es heute nicht nur mit den modernen Formen sozialer (Rollen-)Zwänge konfrontiert, sondern zusätzlich mit seiner Individualität:

„Schon Kierkegaard sieht den Möglichkeitsmenschen in Zusammenhang mit der Verzweiflung und auch Robert Musil attestiert dem modernen Menschen: Nichts ist für ihn fest. Alles ist verwandlungs-fähig, Teil in einem Ganzen, in unzähligen Ganzen, die vermutlich zu einem Überganzen gehören, das er aber nicht im Geringsten kennt. So sind wir heute in einer liquiden (Zygmunt Bauman) Gesellschaft angekommen, in der Möglichkeiten durchaus als Tyrannei erscheinen können.“ (Florian Huber)

 

Die Frage nach dem Lebenssinn oder der Grund einer Krise sind somit immer mit dem eigenen Ich-Entwurf verknüpft und führen zu einer Infragestellung dessen, bevor überhaupt ein Sinn gesucht oder ein Problem gelöst werden kann.

 

 

Lebenskunst als Glaube an die eigene Identität

 

 

Wie kann man dieser ganzen Tyrannei entgegentreten, die Möglichkeiten reduzieren und sein eigenes Ich krisenfest machen? Hier sind die 8 wichtigsten Querdenker-Osterbotschaften:

  1. Cool bleiben! Denn mit Stress, Druck und Panik vor dem Wählen und Leben verschlimmert sich die Jagd nach dem Ich nur unnötig.

  2. Vorbilder suchen! Ob Bruce Willis oder Gandhi, Lady Di oder Lady Gaga, Mutter Theresa oder das „Vater unser“, suchen Sie sich Vorbilder! Denn diese gelten ja nicht unbedingt in ihren konkreten Taten als vorbildhaft, sondern meist aufgrund ihrer mentalen Stärke.
  3. Sprechen und Teilen! Reden Sie mit Ihren Mitmenschen über den Stress in Ihrem Leben. Sicherlich wird es fast allen um Sie herum ähnlich gehen. Das beruhigt und zeigt, dass Sie nicht allein Opfer des Zeitgeistes sind. Lieber zusammen in einer Opfergemeinschaft als in keiner Gemeinschaft.

  4. Lesen, hören, sehen! Nutzen Sie die Kunst - ob Literatur, Musik, Malerei oder welche Künste auch immer. Denn zum einen ist Kunst ein Inspirator für das eigene Denken, zum anderen auch ein Anti-Inspirator, weil sie vom realen Leben ablenkt und Raumwelten kreiert. Träumen Sie, phantasieren Sie, das hilft auch dem eigenen Seelenkonto.

  5. Weg vom Ego! So hart das klingt: Nehmen Sie sich nicht so wichtig. Ja, Sie und Ihr Leben sind besonders, einzigartig und wunderschön. Dies ist aber kein Grund, in einer Dauerschleife der Reflektion zu verharren, jeden Blick, jedes Wort oder jedes Ereignis auf sich zu beziehen. Sich selber weniger ernst nehmen ist häufig gesünder für das Ego, als es permanent zu bemuttern.

  6. Keine Vergleiche! Weg von der Reflektion heißt auch, bei sich zu bleiben. Viel Stress entsteht durch das ewige Vergleichen des eigenen Lebens mit anderen. Meist wirkt es so, dass es allen anderen besser geht, weil man sich eher auf die negativen Seiten fokussiert, als die eigenen positiven Seiten zu sehen.

  7. Glaube an sich selbst: „It’s a wonder anyone survives the month of August, when all the therapists are on vacation“ schrieb die Philosophin Lou Marinoff. Ja, teilen Sie Ihr Leid mit sich selbst ruhig Ihrer Umwelt mit. Aber fragen Sie dabei nicht immer um Rat. Denn das Fragen nach Rat bedeutet: noch mehr Stress für Sie! Jeder weiß es entweder besser, kennt irgendwen, dem es mit Ihrem Problem noch schlechter ging oder der worst case: Sie bekommen Mitleid und kiloweise gute Ratschläge, aus denen Sie dann wieder wählen müssen. Der Kreislauf des Teufels!

  8. Jetzt, hier und heute! Schluss mit den Vergleichen und Schluss mit dem Grübeln im Vergangenen oder Zukünftigen. Denn weder das Spekulieren, was irgendwann unter bestimmten Umständen sein könnte, noch das Hadern mit dem, was einmal war, macht glücklich. Leben heißt im Hier und Jetzt Erfahrungen zu machen und erfordert Mut, sich diesen zu stellen. Wer nur der Vergangenheit nachtrauert oder vor dem Zukünftigen Angst hat, vermiest sich die Schönheit des Augenblicks oder der Chance zu erkennen.

Mit diesen Inspirationen wünschen die Querdenker allen Suchenden viel Erfolg, egal ob es nur um Ostereier, die beste Marmelade oder den eigenen Lebensentwurf geht. Ob man dabei gleich ein eigener Gott sein muss, kann getrost hinterfragt werden. Denn manchmal kann man das Schicksal auch einfach dem Schicksal, den Mitmenschen oder dem Osterhasen überlassen. 

Querdenken heißt auch: Loslassen können von dem, was einen behindert, auch das eigene Ego!

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer


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