Der spirituelle Wanderer

Vom Suchen und Erlösen

 

Die Menschheit ist auf der Suche: nach Gott, nach Sicherheit, nach Gemeinschaft, nach Glückseligkeit, nach Erfüllung, nach Liebe und Macht. 

Die Kirchen hatten bis zum Beginn der Modernisierung und Säkularisierung in Europa die Funktion, ein Wissen zu vermitteln, das den Menschen auf der Suche nach Erfüllung, Sinn und Sicherheit half. Natürlich nur dadurch, indem die Instanzen Gott und der Frevel der Erbsünde installiert werden mussten, nach dem Motto: „Wer keine Angst vorm Teufel hat braucht auch keinen Gott“ (Böhse Onkelz), ergo ohne Schuld keine Sühne, ohne Sühne keine Kirche. Erst durch das Implantieren von Schuld in den Geist der Menschen wurde die Sünde zum Menetekel einer Sinn- und Erlösungssuche und zur Geburt institutionalisierter Religionen in Form der katholischen Kirchen durch Petrus. „Da haben wir es also: Eine kirchliche Ordnung mit Priesterschaft, Theologie, Kultus, Sakrament; kurz, alles das, was Jesus von Nazareth bekämpft hatte.“ (Friedrich Nietzsche). 

Religion wurde zur metaphysischen Basis der Kirchen, zu dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, Ordnung generiert und der gesamten Welt einen universalen Sinnzusammenhang verleiht. 

 

 

Sinn als kommerzielles Angebot

 

Heute, gut 2000 Jahre nach Petrus und 140 Jahre nach Nietzsche, ist die Sünde einer Lust und die Kirche einem Warenlager transzendenter Sinnanbieter gewichen: „Man findet mehr Magier als Priester. Man findet Scharlatane, Wundertäter, Billiganbieter aller Art, die den Code der Religion unmittelbar in ein Angebot umsetzen. Man findet Fundamentalismen, die sich unter Verzicht auf Universalitätsansprüche an ausgewählte Traditionselemente klammern“. (Niklas Luhmann). 

War einst die Schuld Ursprung religiöser Orientierung, ist heute die Selbstverwirklichung zum Motivator einer spirituellen Suche geworden. Glückseligkeit im Diesseits statt Vergebung im Jenseits, irdische Lust statt transzendente Demut. 

 

„Nur wer immer gleich zum Beichtstuhl rennt, als wär es ein Wettlauf, und dort alle seine Sünden nennt, der handelt einen Freispruch aus. Ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dorthin so schwierig ist.“  (Die Toten Hosen)

 

Der Einzelne kann sich aus einem Angebot von sinnstiftenden Ansätzen aus Esoterik, Naturheilkunde, Psychologie und asiatischer Lebensphilosophie diejenigen auswählen, die ihm am besten zusagen und sie, je nach Situation, Laune oder Lebenslage, ausleben du kombinieren. Die Inhalte, die sich der Einzelne zur Genese seines persönlichen Sinnsystems auswählt, werden nicht mehr über eine primäre Instanz, wie die Kirche, dogmatisch vermittelt. Somit ist die Suche nach transzendenter Sinnfindung, Seelenheil und Hoffnungsspende nicht aufgelöst, sondern lediglich von den Kirchen zu spirituellen Anbietern gewandert. Die Alleinherrschaft über die Transzendenz liegt nicht nun nicht mehr bei den Kirchen, sondern auf einem ganze Heer an Heilsbringern und „Religionen".

 

 

Spirituelle Welten

 

Was heute Religion ist, kann somit kaum mehr definiert werden. Der Begriff ist pluralisiert und inhaltlich sinnentleert. Zu multipel und heterogen sind die Formen, die heute als religiös, spirituell oder esoterisch bezeichnet werden. Patchwork-Religion ist das Schlagwort dieser Prozesse. Der Chor der Wissenschaftler ist sich mehr oder weniger einig, dass die Nationen durch die Mechanismen der Rationalisierung, Individualisierung, Globalisierung und Technisierung nicht weniger religiös geworden sind, sondern dass Religiosität heute primär im Individuum selbst stattfindet und Institutionen religiöser Ausrichtung nur mehr als Mittel zum Zweck der eigenen Glaubensfindung dienen als zum Bekenntnis zu einer Konfession.

Die Religionssoziologie versucht seit ein paar Jahren eben diese Differenzierung zu erklären und zu definieren. Zur Soziologie der Spiritualität selbst finden sich bislang wenig fundierte und detaillierte Beschreibungen. Federführend ist vor allem Knoblauch, der 2005 in der „Zeitschrift für Religionswissenschaft" eine erste Bestimmung dieser „neuen" Religionssoziologie formuliert: 

 

 

5 Elemente der Spiritualität

 

„Zur gegenwärtigen Spiritualität gehört (1) eine entschiedene Orientierung an den subjektiven Erfahrungen, die als besonders und herausragend gedeutet werden. (2) Quellen dieser Deutung sind vor allem in der alternativen Religiosität zu suchen, die sich aus den nicht hegemonialen (östlichen, archaischen, okkulten, mystischen etc.) Traditionen der Religion zusammensetzen. (3) Distanz zur Dogmatik religiöser Großorganisationen und eine Tendenz zum Anti-Institutionalismus verbinden sich mit (4) einer Betonung der religiösen Autonomie des Individuums und damit einem ausgeprägten weltanschaulichen Individualismus. Die Erfahrungsorientierung ermöglicht (5) eine Art der Ganzheitlichkeit, die die funktionale Differenziertheit für die Einzelnen wieder zusammenhängend deuten lässt. (6) Schließlich gibt es Hinweise darauf, dass "Spiritualität" für die Handelnden selbst zu einem Alternativbegriff für Religion wird.“

 

 

Die Patchwork-Religion

 

Diese Kriterien sind auf den ersten Blick so einleuchtend, wie auf den zweiten Blick irritierend. Klar ist, dass die freie Wahl der Glaubensmittel und ihre praktische bzw. alltägliche Anwendung zum Dreh- und Angelpunkt für die Abkehr von institutionalisierter Religion werden. Die Menschen wollen ohne Dogmen und Zwang zu ihrem selbst definierten Seelenheil kommen, ein Gedanke der sich strukturlogisch in den Prozess der Individualisierung integriert. Das Subjekt selbst wird zur letzten Instanz von Wissen und zum letzten Referenzpunkt, in dem alle Prozesse gesellschaftlicher Transformation zusammen kommen. (Dazu gibt es nächste Woche einen neuen Blog unter dem Titel  „Der eigene Gott“) 

 

Die Irritation stellt sich beim Betrachten des zweiten Punktes ein. Das gängige Vorurteil, dass die Menschen eben aufgrund von Aufklärung und Technisierung der Lebenswelt nicht mehr an Gott oder eine transzendente Macht glauben, wird hier ad absurdum geführt und in das Gegenteil verkehrt. Der Glaube an ein überirdisches Schicksal und die Suche nach einer jenseitigen Erkenntnisquelle lebt nach wie vor. Die Jungfrau Maria ist tot, es lebe der Prophet Zarathustra, Gott ist nicht beweisbar, aber wir sehen uns im Shangri-La, Auferstehung geht nicht, aber das Beschwören des Schicksals durch Tarotkarten. Ebenso ist die Abkehr von Institutionen und die religiöse Autonomie kritisch zu sehen. Zwar handelt das Individuum autonom, schließt sich dabei aber auch wieder einer Institution, Sekte oder Glaubensgemeinschaft an, ob analog oder digital. 

Kritisch zu diskutieren ist hierbei auch der Aspekt der Ganzheitlichkeit. Denn auch die kirchliche Ethik hatte immer die gesamte Lebensführung des Menschen im Fokus und war nicht auf die Lösung eines Problems beschränkt. Die spirituellen Sinnanbieter heute unterscheiden sich davon kaum, außer dass die Logik des eigenen Lebens nicht durch Gott, sondern durch das eigene Leben erklärt werden. Wenn man so will eine Tautologie, wenn man das eigene Leben mit dem eigenen Leben erklären will. 

 

 

Das Ende des Wanderns

 

Der spirituelle Wanderer kann auf dieser Basis als ein Mensch definiert werden, der sich immer wieder verschiedenen Sinnsystemen zuwendet, weil ihm ein System entweder nicht genügt oder nicht mehr zu seinem Leben passt. War man früher in einem System fixiert, gibt die Gesellschaft heute den Raum und die Freiheit, sich sein Glaubenssystem zu basteln, zu kombinieren und zu modifizieren. Spiritualität wird somit zu einer Religion ohne institutionalisierten Rahmen, zu einem Medium der Sinnsuche ohne auferlegte Sünde aber mit der Verheißung auf diesseitige und ewige Glückseligkeit. „Auch wenn ich nicht in die Kirche geh, ich weiß, Gott wohnt auch in mir.“  (Die Toten Hosen) 

 

Oder bei den Querdenkern! Aber auch das ist eine Frage des Glaubens. 

 

Der Text ist ein adaptierter Auszug aus der Dissertation „Doing Philosophy? Eine soziologische Analyse philosophischer Beratungspraxis“, erschienen 2013 im LIT-Verlag: http://www.lit-verlag.de

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer


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Kommentare: 5
  • #1

    Dmoch (Freitag, 12 April 2019 13:13)

    „Seit einigen Jahren“?
    William James ist gar nicht so jung.

  • #2

    Karin Krieger (Freitag, 12 April 2019 14:39)

    Ich denke, daß sich gar nicht so viel geändert hat bei den einzelnen Menschen. Die wesentliche Änderung besteht m.E. darin daß Mensch sich traut, darüber zu sprechen, da die konkrete Macht der Kirche abgenommen hat und daher auch die Angst vor ihr und der Strafe. Wie z.B. mindestens gesellschaftliche Ächtung.
    "im Herzen" hat immer schon jeder an "seinen" Gott geglaubt.

  • #3

    Johannnes Hofmann (Freitag, 12 April 2019 16:27)

    Der Beitrag befasst sich stark mit der religiösen Sinnsuche in einigen wenigen westlichen Demokratien. Weltweit gibt es einen immensen Zulauf gerade für orthodoxe, evangelikale sowie fundamentalistisch traditionelle religiöse Strömungen mit genau den alten Mechanismen und Institutionen, die der Autor in die Vergangenheit projiziert. Die Welt ist bei weitem nicht so sekularisiert, offen und pluralistisch wie es für uns in Deutschland den Anschein hat. Das Problem dabei ist, dass vielen komplett das Verständnis für eine kollektiv gelebte Religion, wie sie das Christentum vor geraumer Zeit noch war, abhanden gekommen ist. Wir finden es zum Beispiel befremdlich, dass einigen Menschen religiöser Gehorsam wichtiger als das Grundgesetz ist, diese sich im Zweifel einer religiösen Rechtsnorm verpflichteter sehen als gegenüber einer sekularen. Eine Vorstellung, die eigentlich nicht verwundern sollte, da eine göttliche Ordnung qua definitionem über einer von Menschen installierten gesellschaftlichen Ordnung steht. Wer dieses Wertesystem dann einfach als fundamentalistisch abtut, hat von Religion nicht viel verstanden und wird auch schwerlich einen Dialog, oder eine Integration gerade auch mit fremden Religionen befördern können. Der Verlust von Religion, die sich als Werte- und Glaubenskanon versteht und nicht als ein Religions-Buffet, an dem man sich nach Herzenslust hier und da bedienen kann und die schwerverdauliche Kost einfach liegen lassen kann, mag für das Individuum eine Befreiung darstellen, in einer multikulturellen Gesellschaft ist sie beides: Chance und Krux. Bietet sie einerseits genügend Toleranz, andere Religionen als eine exotische Mahlzeit auf dem Religionsbuffet willkommen zu heißen und eröffnet sie damit Räume für andere Religionen, verstellt sie doch die Sicht auf die Tatsache, dass es genügend Religionen gibt, die nicht ansatzweise daran interessiert sind, die christlichen Häppchen zu probieren, die man in der christlichen Imbissbude so anbietet, sie ganz im Gegenteil zum Teufelszeug erklärt.
    Die Kenntnis des christlichen Glaubensbekenntnis, das Grundverständnis für christliche Feiertage, eine grobe Vorstellung des Konzepts der Dreifaltigkeit, von Schuld, Gnade und Vergebung, sie sind der Schlüssel für ein friedliches Miteinander der Religionen.
    Nie war dieses Wissen wichtiger als in Zeiten des notwendigen interreligösen Dialogs und all den selbsternannten Rettern des christlichen Abendlands. Nie war es geringer als heute, in einer Zeit, in der man Buddhafiguren in der Gartenabteilung im Baumarkt kaufen kann – als Dekoartikel als Ersatz für den Gartenzwerg.

  • #4

    torsten.adamski@elefantundreiter.de (Freitag, 12 April 2019 19:02)

    Danke für die überzeugend formulierte Argumentation zur Aufrechterhaltung der inneren Zwangsmobilität in jede nur denkbare Richtung. Doch was kommt danach? Werden wir zu spirituellen Gelbwestenträgern, die auf den Inseln des Kreisverkehrs für mehr Seelenheil demonstrieren? Oder schaffen wir es, den Stillstand als notwendige Phase jeder (spirituellen) Entwicklung zu rehabilitieren?

  • #5

    Tina Wiegand (Donnerstag, 25 April 2019 13:25)

    "Nach den Terrorangriffen auf Christen in Sri Lanka betonte Bundesaußenminister Heiko Maas, dass die Christen mit solchen Anschlägen leben müssten." Schreibt der "Berliner Express". Ist denn die Abkehr von den etablierten Religionen eine rein freiwillige Vorgehensweise? Schließlich ist die "Oneworld Religion" das Mittel der Wahl und wir sollen alle zu einer größeren Friedensbereitschaft gezwungen werden. Mit Krieg, wenn nötig. Die Globalisierungs-Sekte fordert von uns, dass wir unreligios, farblos (ich trau mich nicht, andere Worte zu benutzen) und vereinheitlicht miteinander lückenlos vernetzt das tun, was die optimierten Prozesse von uns verlagen. Soweit der negative Part. Der positive: wer sucht, der wird sich verirren. Wenn der Mensch autarker werden will, muss man ihm seine Irrtümer gönnen. Vielleicht ist der Sinn dahinter, zu erkennen, dass viele Wege nicht nur nach Rom sonder auch sonstwo hinführen. Das Ablegen eines Moralkorsetts bedeutet ja auch haltlosigkeit und der Neoliberalismus ist so unreligiös, dass man ihm fast die Zugehörigkeit zur dunklen Seite unterstellen möchte. Die Anbetung der Ab-Gött*in. Doch auch das will vielleicht erfahren werden.