Das Dilemma mit der Vernunft

Im April wollen wir dem Wahnsinn der Welt mit Vernunft begegnen. Denn wenn ein Glaubenssatz unsere Gesellschaft vereint, dann dieser: Wir müssen vernünftig handeln! 

Der Glaube an das Rationale, das Wissenschaftliche, das Faktenbasierte, kurz: an die Erkenntniskraft (natur-)wissenschaftlicher Methoden, diese Idee leitet die meisten Akteure und Entscheider unserer Zeit. Allerdings wären wir keine Querdenker, wenn wir diese Annahme nicht in Frage stellen würden…   

 

 

Ist nur eine schmale Brücke, die Ufer sind Vernunft und Trieb...

 

Jede Mainstream-Haltung verdient aus querdenkerischer Perspektive zunächst eins: Skepsis! Erst recht, wenn es um Ideen geht, denen wir quasi seit Platon, der Stoa, Descartes und Kant über 2000 Jahre folgen. Leib-Seele-Problem hin, Positivismusstreit her, der Glaube, dass die Vernunft der richtige und einzig sinnvolle Wertmaßstab unseres Handelns ist, scheint common sense. 

Zwar wird dieses „Vernünftige“ nur selten definiert oder gar hinterfragt, einig ist man sich aber weitestgehend, dass wissenschaftliche Studien oder empirische Ergebnisse der subjektiven, emotionalen oder gar triebhaften Unvernunft überlegen sind. Ob im Privaten bei der Frage „Leberkässemmel oder Fruchtjoghurt?“ oder im Politischen bei der Frage „Fahrverbote oder Klimakiller“?, die Vernunft siegt, Gesundheit first, Klima first, Toleranz first, Friede first usw. 

Bei diesen gesellschaftlichen Debatten ist auffällig, dass sich die moralischen Eliten heute schnell des Vernunftbegriffs bedienen, um ihre Position zu untermauern. Vernunft ist die neue Moral des Zeitgeistes, wissenschaftliche Fakten die Werkzeuge. Wer diese kritisiert, wird schnell zum Leugner, Populisten oder Vereinfacher. 

Umgekehrt weiß aber auch jeder aus seinem Alltag, dass Vernunft nur ein Teil eines Wertesystems und auch das Unvernünftige sinnvoll sein kann. Denn manchmal ist die scheinbar unvernünftige Entscheidung die bessere. Jeder, der in einer Liebesbeziehung war oder ist, wird dies bestätigen können. Daher gilt um so mehr: Wir müssen den Vernunftbegriff querdenken! 

 

 

Querdenken ist unvernünftige Vernunft

 

Erinnern wir uns an einen der wichtigsten Querdenker unserer Zeit und DAS Vorbild für radikales Kritisieren: Theodor W. Adorno („Es gibt kein richtiges Leben im falschen") und seine Frankfurter Schule. Er kritisierte die „instrumentelle Vernunft“ der Moderne, da diese Vernunft eben nicht nur positiv genutzt werden kann, sondern wie im Nationalsozialismus auch ins brutale Gegenteil umschlagen kann. Der moderne Wissenschaftsbetrieb und die Faktengläubigkeit waren der gesamten Frankfurter Schule suspekt, zumal sie auch die Selbstbefreiungskräfte des Einzelnen ersticken würden. Der Positivismus und der Glaube an die Rationalität waren für Adorno Instrumente, die eben auch missbraucht werden können. Das Querdenken wird so zu einem Instrument der Kritik, das auf den ersten Blick vielleicht unvernünftig erscheint,  weil es das Vernünftige hinterfragt, in letzter Konsequenz aber eigentlich wirklich vernünftig ist. 

Aus soziologischer Sicht kann diese kritische Haltung nur noch verstärkt werden. Denn wie aus den Workplace-Studies, der Methodologie oder dem Konstruktivismus bekannt ist, sind viele scheinbar wissenschaftlichen Fakten eher Konventionen als tatsächliche Fakten. Laborwerte werden ausgehandelt, Statistiken gebogen, Ergebnisse politisch optimiert. Ebenso ist es bei vielen Themen schlicht unmöglich, tatsächliche Korrelationen oder Kausalzusammenhänge aufzustellen. Dies impliziert auch, dass der Zeitpunkt der Analyse und die involvierten Personen maßgeblich auf das Ergebnis einwirken. Die faktenbasierte und vernünftige Wissenschaft wird daher schon bei einem Blick auf die Entstehung ihrer Ergebnisse mehr als brüchig und offenbart die Probleme, die hinter dem Vernünftigen stehen. 

 

 

Alternative Vernunft

 

War die Grenzziehung zwischen Wissenschaft und dem Nicht-Wissenschaftlichen schon immer eine Geschichte der Auseinandersetzung über die herrschenden Paradigmen und das Wissenschaftliche eine Konstruktion derer, die es für nötig befanden, dieses zu definieren, so wird dieser Konflikt heute noch durch die Vielzahl an Experten verschärft.  Zu jedem Thema gibt es neue Experten, Theorien, Studien und Youtube-Kanäle, sowohl aus der Wissenschaft, wie aber auch aus alternativen Bereichen. Diese vermeintlich irrationalen oder unvernünftigen Experten stammen aus religiösen, spirituellen, esoterischen, astrologischen oder ökologischen Lebensphilosophien und ergänzen die klassischen Wissenschaften heute. 

Waren früher bspw. allein der religiöse Seelsorger und der Mediziner für das Seelen- und Körperheil der Menschen zuständig, die kraft ihres Expertenstatus jegliches Vertrauen genossen und als Verkörperung des jeweiligen Wissens fungierten, finden sich heute Naturheilpraktiker, Zenmeister, Wahrsager, psychologische Ratgeber, Handleser und selbsternannte Gurus für alle Lebens- und Sterbenslagen. Spannenderweise argumentieren diese ebenfalls mit dem Vernunftbegriff, interpretieren diesen aber völlig anders als ihre wissenschaftlichen Pendants. Die Plausibilität und Zuständigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse wird daher allein durch die Existenz der anderen Vernünftigen in Frage gestellt.  

 

 

Ultima Ratio

 

So positiv die Pluralisierung von Experten und Vernunftwissen auf den ersten Blick ist, so negativ sind gleichermaßen ihre Auswirkungen. Denn neben der eh schon alltäglichen Verunsicherung durch Politik, Digitalisierung, Individualisierung oder Technisierung macht das Angebot der Vernunft-Experten die Wahl des richtigen zur Qual. Die Auswahl eines Experten impliziert nicht nur den Stress, welchem man sich nun anvertrauen will, sondern auch, ob dieser glaubwürdig ist: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."  (Adorno) 

Die Formel für das Problem ist kurz so zu fassen: Je mehr Fortschritt und Wissen, desto mehr Unwissen; je mehr Unwissen, desto mehr Experten; je mehr Experten, desto mehr Wissen und Unwissen. 

Der Mensch wird so zum letzten Experten, der die Pluralisierung von Wissen für sich harmonisieren muss. 

Und damit schließt sich der Kreis zum Glauben: Denn die Abwägung, welchem Wissen, welcher Vernunft oder welchem Experten man vertraut ist eine Frage des Glaubens, eine Sache der eigenen Überzeugungen, eine emotionale Abwägung und eine Aufgabe, die vor allem eines benötigt, um sicher auf der vernünftigen Seite zu sein: Querdenken! 

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer


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Kommentare: 1
  • #1

    Ingo Schmidt (Donnerstag, 04 April 2019 18:40)

    Vielen Dank für den vorzüglichen Artikel. Über längere Zeit ist bei mir eine Einsicht gereift, die unsere gesamte Welt buchstäblich auf den Kopf stellt. Ausgangspunkt ist eine Erkenntnis aus der Quantenphysik, dass der Beobachter das beobachtete Objekt verändert. Das heißt, dass wir zu einer "objektiven" Realität gar keinen Zugang haben. Ein jeder von uns trifft lediglich auf seine eigene Wahl, die er in der Vergangenheit getroffen hat. Praktisch heißt das: zunächst beschließe ich, wer und wie ich bin, die Anderen sowie die Welt und dann treffe ich genau auf diese meine eigenen Erfindungen. Eben das habe ich bereits auch selbst beobachten können. Diese Einsicht hat große Vorteile: wenn ich selbst es bin, der mich z.B. als armes, krankes und hilfloses "Hühnchen" erfunden hat, dann kann ich mich jederzeit auch anders (neu) erfinden. Dazu braucht es ein wenig Übung, zugegeben. Macht das Leben aber zu einer wirklich genialen Angelegenheit. Danke noch mal für das wertvolle Thema.