Schwarze Spießbürger und Kulturkonservatismus

Im letzten blog zur Kultur wollen wir uns der Kunst und im Speziellen der Musik widmen. Denn unter Kultur wird im öffentlichen Verständnis meist das Themenfeld Literatur, Musik, Malerei oder Architektur verstanden. Doch weit gefehlt, wer nun ein Loblied auf die klassische Musik oder auf Jazz erwartet. Denn für uns ist Hochkultur auch: Heavy Metal und Rockmusik! 

 

 

Intro

 

„Entdecke den Spießer in Dir“ - das war das Motto einer Fernseh-Werbekampagne der LBS im Jahr 2007. Zu sehen ist ein älterer Rocker in seinem gepflegten Garten nebst Einfamilienhaus, der gerade seine Rosen gießt, während seine Teenager-Tochter Wäsche aufhängt. Von der Ferne hört man Motorradgeräusche und sieht eine Gruppe Biker ebenfalls in mittlerem Alter in schwarzer Lederkluft heran fahren, die schließlich vor dem Haus stehen bleiben. Nach einer Musterung des Gartens und Hauses sagt einer der Biker zu dem Rocker im Garten: „Digger, wie sieht denn das aus?“ als er entsetzt eine Falte in der Markise über der Terrasse entdeckt. Der Rocker schaut überrascht, nickt zustimmend lächelnd und sagt „Danke Bernie“. Aus dem Off ertönt eine Stimme: „Entdecke den Spießer in Dir.“ 

 

Hier geht`s zum ganzen Werbespot!

 

Vermutlich wussten die Macher dieses Werbevideos nicht, dass sie damit nicht nur eine Werbung fabrizierten, sondern auch eine kleine Ethnographie des Rockermilieus. Denn die Pointe liegt gerade nicht in der Paradoxie „Rocker versus Kleingärtnertum“ und der impliziten Persiflage der Rocker als Spießbürger, sondern - und hier mag der eine oder andere ein „leider“ einfügen - in der Tatsache, dass diese Inszenierung tatsächlich die Wahrheit ist. Allerdings nicht, wie in dem Werbefilm, bezogen auf Motorradrocker, sondern auf Rockmusikfans und Heavy Metal Fans. 

 

 

Die These:

 

Heavy Metal Fans sind konservativ, spießig und bürgerlich (geworden) und zwar mehr, als man es als Anhänger selber wahrhaben will. Oder, um die These im soziologischen Terminus zu formulieren: Die (aus-)gelebten Kulturen des Heavy Metal, seiner Anhänger und der Metal-Industrie sind heute in erheblichem Maße einem modernen Konservatismus unterworfen, in dem sich traditionelle Elemente der Heavy Metal-Kultur mit neuen Strukturen der Gesellschaft vermischen und so sehr eigentümliche Symbiosen aus Rebellion, Bürgerlichkeit, Non-Konformität, Spießertum, Globalisierung, Ökologisierung, Ökonomisierung und Individualisierung generieren. 

 

In einem Brenner-Roman würde Wolf Haas den Begriff des Konservatismus wohl als so „ein bisserl Dings“ beschreiben, irgendwie anrüchig, undeutlich, eigentlich undefinierbar und unaussprechlich, irgendwas Verrufenes. In der Soziologie würde man die Floskeln der Kontingenz, der Struktur- oder Kontextabhängigkeit bemühen, um einer klaren Definition zu entkommen; verständlich, denn der Begriff des Konservatismus ist schlicht ein sehr undankbarer, denn er wird je nach politischer, subjektiver, historischer oder ideologischer Präferenz immer unterschiedlich interpretiert. Die umgangssprachliche Verwendung des Begriffs zielt oft nur auf die politische Ebne ab und wird dabei eher negativ konnotiert mit Faktoren wie rückständig, antiquiert, sexistisch oder auch rassistisch, was sowohl falsch als auch reduktiv ist. Um dem Leser einen unnötig langen Exkurs zu ersparen. Wir definieren konservativ anhand folgender Faktoren:

  • Das Festhalten an Traditionen und Strukturen
  • Das Bewahren von Werten, Dingen oder Einstellungen 
  • Ein gewisses Sicherheitsdenken
  • Ein ökologisches Bewusstsein
  • Ein Anpassen an Ordnungen
  • Ein grundsätzliches Freiheitsdenken
  • Die Betonung der Vielfalt des Lebens
  • Das Lernen aus Erfahrung sowie die Nachahmung von Vergangenem 

Wo diese konservativen Elemente zu finden sind, soll an zwei Beispielen bei Heavy Metal-Festivals aufgezeigt werden

 

 

Ich ess Blumen: wenn Metal grün wird

 

Vor allem die Festival- und Open Air-Kulturen können sich der ökologischen Wende nicht verschließen und integrieren verschiedene Konzepte in die Organisation der Festivals. Seit Jahren Standard bei allen Festivals ist ein breites Angebot an vegetarischen und veganen Imbissen sowie die obligatorischen Aufrufe zur Mülltrennung. Diese Ansätze werden konsequent weiterentwickelt: Das Wacken-Festival wirbt mit dem Motto: „Metal 4 Nature - I took my trash - just left my footprint&spirit!“ (in Kooperation mit der Tabakfirma Natural American Spirit) bzw. dem Spruch: „Metal 4 Nature! - Safe your holy land!“. Auf dem Southside bzw. Hurricane-Festival gilt das Motto „grün rockt“ mit etlichen Aktionen wie einem „Trashmob“ und der Aktion „Tausch dich satt“, um Müll zu vermeiden und Lebensmittelabfälle zu reduzieren. Weitere Mottos und Umweltaktionen in diesem Jahr waren u.a.: „Greenfield. We care“, „grün rockt“ (Highfield), „Green Glastonbury”, “Gebrüll für Müll” (With Full Force), “Green festival” (Graspop). 

Die Ökologisierung der Festivals und Fans integriert einerseits die zeitgenössische Mainstream-Ökologisierung, andererseits verweist dieser Prozess auch auf die konservative Haltung in Bezug auf die Erhaltung der Natur sowie die Perspektive, dass der Mensch Teil dieser Natur ist.

 

 

Bestrafe mich – George Orwell on stage

 

Rituale, Traditionen und Verhaltenskodizes sind fester Bestandteil aller Festivals. Jeder Metaler hat seinen eigenen Campingregeln, jedes Festival seine Riten, man denke hier nur an die Wacken Fire Fighters, ohne die das Festival kaum beginnen könnte. 

 

Verhaltensregeln beim Pogen (keine Ellenbogen auf Gesichtshöhe, Kreisbildung bei Sturz) oder das Anbieten eines alkoholischen Getränks für Zeltgäste können als obligatorische Regeln verstanden werden. Immer wieder zu beobachten ist, dass es auf Festivals nur selten zu Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht oder den Security-Diensten kommt. Für die Größe, die Massen an Betrunkenen und dem grundsätzlichen Glauben, dass Festivals quasi anarchistische Räume sind, lässt sich eine bemerkenswert friedliche Atmosphäre konstatieren. Diese begründet sich nicht nur in dem Aufgebot an Securitys, sondern auch in der konservativen Verhaltensweise der Metaler, Hierarchien oder Ordnungen einzuhalten - die Polizeiberichte dienen hierbei als eindrucksvolle Belege! Wer bei Konzerten oder in Metal-Clubs ist wird diese nahezu immer friedliche Atmosphäre bestätigen, da auch dort den Anweisungen des Wirts, DJs oder Türstehers meist widerspruchslos gefolgt wird - außer evtl. bei der Bestellung eines allerletzten Absackers. 

 

Zusammengefasst kann konstatiert werden, dass sich das Verhalten der Metal-Gemeinde in sehr konservativen Ordnungen bewegt, die wiederum auch den Zeitgeist spiegeln. Zum einen, da Experten, Sicherheitsinstanzen oder Hierarchien Vertrauen und Respekt genießen; zum anderen, da der Respekt vor Traditionen, die Ausübung von Ritualen und das Einhalten von Kodizes stark auf konservative Elemente verweisen. 

 

 

Outro

 

Heavy Metal ist noch immer eine der bestmöglichen Lebenseinstellungen, die man haben kann. Doch auch diese ist stark von den Prozessen der Modernisierung und im Speziellen von einem Konservatismus beeinflusst ist. Diese konservative Kultur ist entgegen seiner Vorurteile aber keineswegs als negativ zu konnotieren, sondern vielmehr eine Einstellung, die einer reflexiv-modernen Zeit in hohem Masse entspricht. Vor allem der Werte-Konservatismus fokussiert einen sozialen, ökologischen und ethischen Umgang, der im Doing Metal hervorragend zu beobachten ist. Aufgrund seiner traditionellen Elemente der Andersartigkeit und der Rebellion kann es sich der Heavy Metal sogar leisten, mit den Modernisierungsprozessen zu spielen und diese nach seinem gusto integrieren, ohne dadurch seine Glaubwürdigkeit völlig zu verlieren. Wie sich der Heavy Metal zukünftig den Prozessen der Modernisierung annehmen wird, kann nicht prognostiziert werden. Letztlich liegt diese Aufgabe allein in der Hand der Metal-Fans und es bleibt zu hoffen, dass sich die Metaler auch in den nächsten Jahrzehnten ihre Andersartigkeit und ihre eigene Kultur bewahren. Denn klar ist auch: Trotz seiner modernen Anpassungen bietet der Heavy Metal eine Fülle an Konstanten und unveränderlichen Werten, die für jung und alt bereichernd, zeitlos und sicher der schönste Weg zum Seelenfrieden sind. Dies gilt es zu bewahren, denn: „Das Ende setzen wir uns selbst und niemand anders auf der Welt…“ 

 

Viele weitere Beispiele zum schwarzen Spießbürgertum sowie den Text in ausführlicher Form gibt es zum kostenlosen Download auf researchgate: www.researchgate.net

 

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer


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