Büro(un)kultur(en)

Jeder in einem Büro kennt diesen eigentlich unvermeidlichen Gedanken: „Hat wieder keiner geklatscht, als ich ins Büro kam. Dieser anhaltende Mangel an Disziplin macht mich fertig.“

 

Dieses Zitat kursiert im Internet neben unzähligen anderen, mit denen versucht wird, das Büroleben zu beschreiben. Oder genauer: die BüroKULTUR. Nun ist Kultur ein Begriff, den man - wissenschaftlich, politisch oder eben kulturell - nur mit Samthandschuhen anfassen sollte; im Gegensatz zum unverdächtigen Begriff des Büros. Nicht nur, dass es unzählige Bücher aller Art und wissenschaftlicher Couleur gibt, die jede Facette und Art von Kultur(en) diskutieren, auch jeder Einzelne hat seinen eigenen Vorstellungen von Kultur oder seiner individuellen Bürokultur. EINE oder DIE Definition einer Bürokultur zu finden ist daher nicht nur unmöglich, sondern vor allem sinnlos und stets mit Widerspruch versehen. 

 

 

Clash of Cultures

 

Ein Büro ist zudem nicht nur der Ort EINER Bürokultur, sondern ein clash of cultures: Arbeitskultur, Freizeitkultur, Gesprächskultur, Unternehmenskultur, Esskultur, Verhaltenskultur und sonstige Bindestrich- und Gesellschaftskulturen. Dazu kommt die negative Seite, denn Kultur impliziert immer auch das Gegenteil davon: Unkulturen und Unsitten, die nicht dazu gehören und womit man gegen die Kultur verstoßen kann. 

 

 

Kultur in der Praxis

 

Um Bürokulturen in ihrer Funktion zu verstehen und zu wissen, wie sie sich bilden ist es daher ratsam, sich einer Perspektive zu bedienen, die die Praxis und das tatsächliche Leben von Bürokulturen zu erfassen versucht. Soll heissen: Was passiert in einem Büro wirklich, das auf eine vage Vorstellung von Kultur schliessen lässt oder als eine Art von kultureller Handlung verstanden werden kann? Diesen Ansatz kennt man aus der Soziologie der doing-Forschungen als praxeologischen Ansatz.

Vorausgesetzt bei dieser Perspektive ist weniger eine starre Definition von Kultur, sondern ein allgemeines Verständnis dessen, was Kultur beinhalten KÖNNTE: Sprache, Knigge, Umgangsformen, Musik, Kunst, Ethik, Prozesse, Philosophie, Werte, Essen, Trinken und vieles mehr. Diese Aspekte gilt es im Büroalltag zu identifizieren und auf Gemeinsamkeiten zu prüfen.

 

 

Wandel-Kulturen

 

Kultur ist somit nichts Festes, das per se existiert, einmalig aufgeschrieben oder verordnet werden kann, sondern etwas, das immer wieder anders und neu geschaffen wird: Ob gezielt in Teammeetings, unbewusst in alltäglichen Arbeitsprozessen, verändert durch neue Mitarbeiter, von Innen durch Krisen oder auch rein zufällig. Kultur ist damit sowohl reaktiv als auch proaktiv, da sie durch Geschehenes verändert wird aber ebenso auf zu Geschehendes Einfuss nimmt. Kultur wird so auch zu einem Prozess von Aushandlungen der Büroanwesenden, der bewusst stattfinden oder unausgesprochen passieren kann. Durch diese unklare Fixierung beinhaltet Kultur immer einen Interpretationsspielraum, selbst wenn sie klar zu definieren versucht wird. Denn Kultur ist offen und unterliegt in einem Büro allen dort stattfindenden Handlungen der Anwesenden. 

 

 

Beispiel: Esskultur

 

Legt man bspw. eine Esskultur fest (bestimmte Zeiten, gemeinsamer Ort, geteilte Rituale) müssen diese Regeln immer wieder aktualisiert und erklärt werden. Ob ein Kundentermin, ein zu langes Meeting, persönliche Präferenzen, ein Telefonat, der Stau am Morgen, es gibt unzählige Gründe, warum ein gemeinsames Essen scheitern kann. Dies stellt die praxistaugliche Notwendigkeit einer Definition von Kultur aber nicht in Frage, sondern verlangt lediglich Toleranz von allen, wenn gegen sie verstoßen wird. Dann folgt allerdings das nächste Problem: 

 

 

Unkulturen und Sanktionen

 

Wie kann man Verstöße gegen eine Kultur oder eine Unkultur sanktionieren? Was macht das Büro, wenn sich einer nicht an die Spielregeln hält? Denn Kulturen sind selten umfassend als Richtlinien verschriftlicht, sondern hängen eher spaßig symbolisiert als Aus-dem-Internet-heruntergeladene-Bilder in der Büroküche - und sind dennoch ernst gemeint! Allerdings weder wirklich bindend oder gar rechtlich verpflichtend. Denn in keinem Arbeitsvertrag wird stehen, dass die Kaffeetasse am Abend in den Geschirrspüler gestellt, leere Milchtüten nicht in den Kühlschrank sondern in den Müll geworfen oder das Druckerpapier nachgefüllt werden sollte. Verstöße sind daher ein Fall für die Vertreter der Ethik in einem Büro, die aber dummerweise die Büromitarbeiter selbst sind, ergo Richter, Henker und Täter in jeweils einer Person. Und da beginnt das nächste Problem:

 

 

Kultur und Hierarchie?

 

Wer bestimmt, was ethisch und moralisch richtig ist? Wer legt DIE Bürokultur fest? Die Mehrheit? Der Chef? Ein gewähltes oder von oben bestimmtes Ethik-Komitee? Die Bürogemeinschaft in einer demokratischen Abstimmung?

 

Für Unternehmen ist das Definieren einer Unternehmens- und Bürokultur daher nicht nur ein open-end, sondern ein quasi unmöglicher Prozess, zumal die Bürokultur nicht identisch mit der Kultur eines Unternehmens sein muss. Denn diese zielt meist auf eine abstrakte, idealistische und ethisch-philosophische Ebene ab, auf einen Wertekanon, der mit einem Leitbild oder einer Vision kurz formuliert und offen nach Außen kommuniziert wird.

 

Bürokultur hingegen ist vielmehr ein Mikroklima, eine Richtschnur, der soziale Umgang oder ein Verhaltensschema, dem alle Mitarbeiter folgen sollten. Diese Ebene benötigt zwar auch einen Wertekanon und moralische Grundsätze, diese werden aber auf praktische Regeln herunter gebrochen. Im besten Falle kann eine Bürokultur daher auch als Übersetzung der Firmenkultur fungieren und sich inhaltlich danach richten – muss sie aber nicht.

 

Vielmehr setzt sich eine Bürokultur aus vielen kleinen Puzzle-Teilen zusammen, die zum Ziel nicht nur das möglichst harmonische Funktionieren des Bürolebens haben, sondern zusätzlich einen Wertekosmos für alles liefern, was nicht als Regel fixiert, juristisch klar oder sprachlich ausgehandelt werden kann.

 

 

Kultur als Wert

 

Diese Funktion als Wertekosmos verbindet letztlich alle Kulturformen, da sich davon die Funktionen der diversen Subkulturen ableiten: Regelungen für Arbeits- und Pausenzeiten, das Verhalten miteinander oder mit den Kunden, Organisation von Arbeitsabläufen, Redeformeln, etc., jede Kleinigkeit, jeder Arbeitsschritt und gerade jede noch so kleine Nichtigkeit in einem Büro (wie die Farbe der Luftschlangen bei einer Firmen-Faschingsfeier, die einen weiteren Artikel über Unkulturen verdienen würde) unterliegt diesen Werten, weswegen die Wichtigkeit der Bürokultur nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Da sich Kultur immer erst dann zeigt, wenn sie brüchig oder In-Frage gestellt wird, benötigt es geradezu Krisen, um sich ihrer bewusst zu werden. Bürokultur wird so auch zu einer Orientierungshilfe für alle Themen, zu einer Selbstbeschreibung und einer Identität von genau diesem und nur diesem Büro. 

 

 

Kultur als Selbstidentität

 

Die Frage, was nun eine Bürokultur ist impliziert somit immer die Frage, wer man selber in diesem Büro sein möchte. Denn jeder Einzelne prägt diese Kultur und wird zugleich von ihr geprägt: „Zeig mir Dein Büro und ich sage Dir wer Du bist“! Die Bürokultur wird so zum Spiegel der eigenen Identität: Und diese sollte immer mit Aufmerksamkeit, Anstand und Toleranz behandelt werden. 

 

„Auch wenn man auf der Galeere Luftschlangen aufhängt, muss ja gerudert werden.“ (Bernd Stromberg, irgendeine Position in der Schadensregulierung der Capitol)

 

 

Verfasser: Dr. Rainer Sontheimer, CCO


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Kommentare: 1
  • #1

    Manuela Nikui (Mittwoch, 13 März 2019 16:51)

    Danke für diese Gedanken zur Bürokultur. Das könnte man jetzt schön weiterspinnen: Treffen sich zwei Geschäftspartner an einem neutralen Ort (z. B. Flughafenlounge) - welche Kultur zählt dann? Will einer was vom anderen, im Zweifel die Kultur des anderen, zumindest so lange, bis die Unterschrift unter dem Vertrag trocken ist. Wie beeinflusst die Kultur in der Lounge das Gespräch der beiden? Vermengen sich drei Kulturen zu einem Querschnitt, der nur so lange hält, wie die Personen in der Lounge sind? Was denkt Ihr?