Schöne neue Arbeits-Welt Teil 2

Inzwischen hat diese deterministische Zuschreibung ihre einstige Überzeugungskraft längst eingebüßt. Entscheidend dafür waren neue Entdeckungen und neue Erkenntnisse, vor allem auf dem Gebiet der Neurobiologie. Als genetisch angelegt erwies sich lediglich die Herausbildung eines enormen Überschusses an Nervenzellen und Nervenzellverknüpfungen. Welche dieser Verknüpfungsangebote im sich entwickelnden Gehirn aber bestehen bleiben und stabilisiert werden, hängt davon ab, was für Erfahrungen ein Mensch, zunächst im Verlauf seiner vorgeburtlichen Entwicklung und später als Kind in seinem familiären Umfeld macht. Weil die ersten Vernetzungen im Gehirn anhand der aus dem eigenen Körper im Gehirn ankommenden Signalmuster stabilisiert werden, kommt jedes Kind mit einem Gehirn zur Welt, das genau zu seinem Körper und den dort ablaufenden Prozessen passt. Später sind es die in der Beziehung zu den jeweiligen Bezugspersonen gemachten Erfahrungen, die entscheidend dafür sind, welche neuronalen Verknüpfungen im kindlichen Gehirn stabilisiert und ausgebaut werden und welche nicht.

 

Das menschliche Gehirn ist also nicht nur am Anfang seiner Entwicklung enorm offen, sondern es behält diese enorme Offenheit, diese Plastizität und Lernfähigkeit prinzipiell bis ins hohe Alter. Jedenfalls dann, wenn der betreffenden Person ihre anfangs mitgebrachte, in der inneren Organisation des Gehirns angelegte Freude am eigenen Entdecken und am gemeinsamen Gestalten nicht verloren geht.

Was dieses „Tätig sein“ für die Entwicklung des Menschen bedeutet, hat Friedrich Engels in einem sehr lesenswerten Aufsatz herausgearbeitet.

 

Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen

Was wir heute an uns selbst bestaunen, worauf wir stolz oder worüber wir nach wie vor besorgt sind, ist also das Resultat einer bemerkenswerten Kulturleistung, nicht aber irgendwelcher biologischer oder gar genetischer Gegebenheiten. Wie war das möglich? Was hat uns wirklich zu dem gemacht, was wir heute sind – und in die Zukunft weitergedacht: was brauchen wir, damit uns all das nicht wieder verloren geht, damit wir auch künftig weiter unsere Potentiale entfalten können?

Schon vor etwa 150 Jahren hat Friedrich Engels einen Aufsatz mit dem Titel „Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ geschrieben. Er verstand freilich unter dem Begriff „Arbeit“ noch etwas anderes als das, was die Mehrzahl der Menschen in unserem Kulturkreis seit dem Beginn der Industrialisierung darunter zu verstehen sich verständigt hat: Lohnarbeit, die Lieferung physischer oder psychischer Leistungen gegen ein Entgelt, das wiederum dazu benutzt wird, den eigenen Lebensunterhalt und ggf. auch noch den der Nachkommen und damit sowohl den Erhalt wie auch die Reproduktion der Ware „Arbeitskraft“ zu sichern.

Aus heutiger, neurobiologischer Sicht stellt sich angesichts dieser Entwicklung die Frage, ob und in welchem Umfang diese inzwischen überall verbreitete Art von „Arbeit“ dazu beitragen kann, nicht nur den bisher erreichten Stand der kulturellen Entwicklung des Menschen zu sichern, sondern auch die Voraussetzungen für eine weitere Entfaltung der dem Menschen innewohnenden Potentiale zu bieten. Die Antwort lautet „nein“, denn das menschliche Gehirn ist nicht für die Durchführung bezahlter Dienstleistungen, sondern für das Lösen von Problemen optimiert, die das Leben in einer menschlichen Gemeinschaft bereithält und immer wieder neu schafft. Jede körperliche oder geistige Anstrengung, zu der ein Mensch sich aufrafft, um etwas Neues auszuprobieren, eine Bedrohung abzuwenden oder eine Herausforderung zu meistern, ist also „Arbeit“ in einem nicht entfremdeten, dem Menschen gemäßen Sinn.

Erst diese „hirngerechte“ oder besser, „Sinn-stiftende“ Definition dessen, was „Arbeit“ ist, macht deutlich, was Friedrich Engels schon vor 150 Jahren in seinem Aufsatz zum Ausdruck gebracht hat: Alles, was Menschen beschäftigt, was sie nach neuen Lösungen suchen oder vielleicht auch nur erneut in alte Muster flüchten lässt, was sie im weitesten Sinn „bewegt“ und „anregt“, ist Arbeit.

Und das Ergebnis dieser „Arbeit“ ist nicht das Produkt, das dabei entsteht, das Ergebnis dieser „Arbeit“ ist die eigene Weiterentwicklung, die weitere Vervollkommnung, die Entfaltung von bis dahin noch nicht sichtbar gewordener Entwicklungspotentiale durch den, der „arbeitet“.

 

Im eigenen Tätigsein sind wir Menschen in der Lage, unsere beiden seelischen Grundbedürfnisse – das nach Kompetenzerwerb, Autonomie und Freiheit einerseits und das nach Zugehörigkeit, Verbundenheit und Geborgenheit andererseits gleichzeitig zu stillen. Wer etwas tut, das ihm eine eigene Weiterentwicklung ermöglicht und das ihn gleichzeitig in diesem Tun mit sich selbst und mit anderen Menschen verbindet, ist kein Bedürftiger mehr. Nur unter dieser Voraussetzung kann eine Person die in ihr angelegten Potentiale frei und aus sich selbst heraus entfalten. Denn nur dann erlebt sie sich als Subjekt, als Gestalter ihres eigenen Lebens und ihres Zusammenlebens mit anderen, nicht aber als Objekt der Absichten und Erwartungen, der Belehrungen und Bewertungen oder gar der Maßnahmen und Anordnungen anderer.

Das Problem ist nur: Diese Erfahrung können nur solche Menschen machen, die nicht in eine hierarchische Ordnungsstruktur der Gesellschaft hineinwachsen und eingebunden werden. Denn dort werden sie zwangsläufig zu Objekten der jeweils übergeordneten Personen oder Organisationsebenen gemacht.

 

Aufstieg und Zerfall hierarchischer Ordnungsstrukturen

Spätestens seit ihrer Sesshaftwerdung und der Herausbildung von Ackerbau und Viehzucht vor mehr als zehntausend Jahren waren unsere Vorfahren gezwungen, eine ihr Zusammenleben ordnende hierarchische Gesellschaftsstruktur zu entwickeln. Ohne Anführer, die allen anderen sagten, was diese zu tun und zu lassen hatten – und ohne klare Zuweisung und bereitwillige Übernahme der jeweiligen, hierarchisch geordneten Rollen durch ihre Mitglieder – hätte keine dieser frühen Gesellschaften ihre Besitztümer und ihren Fortbestand wahren können. Als besonders vorteilhaft erwies sich diese hierarchische Ordnung bei kriegerischen Auseinandersetzungen, aber auch in der Produktion, im Handel, im Finanzwesen, in Familien und Sippen, sogar in Kirchen und Klöstern entstanden solche hierarchischen Ordnungen. Und überall in diesen Hierarchien strebten die Untergebenen mit all ihrer Kraft danach, in höhere Positionen aufzusteigen. Möglich war das durch die Aneignung von besonders viel Wissen und Können, aber vor allem durch neue Entdeckungen und Erfindungen, die sie machten, also durch all das, was wir heute als wissenschaftlich-technische Innovationen bezeichnen. Der Wettbewerb um entsprechende Aufstiegschancen durch die Erbringung herausragender Leistungen führte allerdings zwangsläufig dazu, dass die anfangs noch recht gut überschaubare Welt, in der die Menschen lebten, sich enorm ausweitete und immer komplexer wurde.

 

Als vorläufiges Ergebnis dieses sich selbst verstärkenden Entwicklungsprozesses entstand die hochtechnisierte, digitalisierte und globalisierte Welt, wie wir sie heute kennen. Und in dieser hochkomplexen, global vernetzten und in allen Bereichen voneinander abhängig gewordenen Welt ist nun ein Problem entstanden, das es in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nie gegeben hatte: Die alte hierarchische Ordnungsstruktur erweist sich nun als völlig ungeeignet, um die Stabilität dieser hochentwickelten heutigen Gesellschaften zu sichern, geschweige denn ihre künftige Entwicklung zu steuern. Sie hat ihre Orientierung-bietende und Ordnung-stiftende Kraft durch genau das verloren, was sie selbst hervorgebracht hat: einen enormen Zuwachs an Komplexität.

 

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